weil es auf Sonntag geht

Ich lese in Hamachers Daive-Übersetzungen (roughbook 047) folgende Verse:

…// dreieckig trat das Licht/ in die Nacht// das Licht und das Feuer// an der Sprachwurzel/ ein Span vom Zeichen getrennt/ drohte den Nerven/ die Weiße zu begehn/ das Gedächtnis// …

und prompt fällt mir Hamachers Grahamübersetzung wieder ein:

„Schon zu Anfang, schon bevor sie schlüpften/ war alles das gewußt werden konnte
vorbei./ Die Mutter war da, ein gelbes Auge auf mich gerichtet“
(Detail aus der Erschaffung des Menschen)

Hamacher in der Vorbemerkung zu Daives Text und seiner Übersetzung:

„denn was an den Ursprung von Welt und Sprache zurückreichen will, begibt sich ins Babeleinander unverständlicher Sprachen und der, weil sie die höchste erstrebt, sich selbst unverständlichen einen.“

 

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weiter Wüste

aus: K. Waldrop: Die Gestalt der Brücke (dt. Jan Kuhlbrodt)
Manche gehen in die Wüste – die Eremiten von Thebais zum Beispiel – und versuchen verzweifelt den Schwierigkeiten einer unseligen Welt zu entfliehen, deren trüben Rätseln, deren Unsicherheiten, die wie Treibsand sind.

Andere gehen noch weiter weg, weit hinter den Ort, an dem Antonius gegen die Versuchung kämpft, sich wappnend gegen Bilder wie die Begierde sie hervorbringt.

Und bevor sie sich zerstreuen, in dieser, sagen wir, Wüste hinter der Wüste – dieser unermeßlichen, unkultivierten inneren Wüste – schwören sie, daß Gott ihre einzige Hoffnung sei, und sie würden von nun an keine Hilfe annehmen, es sei denn, sie käme aus seiner Hand, nichts von den Menschen würden sie nehmen, weder Nahrung noch Unterkunft. Sie seien die seinen, Er würde sie versorgen.

Dann gingen sie, einer nach dem anderen, getrieben von einem Drang, dessen Art und Natur sie nicht erkannten.

Und natürlich kamen sie um, einer nach dem anderen, jeder allein in der Wildnis. Sie wurden vom Hunger vernichtet, vom Durst und von der unerbittlichen Sonne. Sie wurden, so hungrig sie waren, von wilden Tieren zerfleischt. Sie wurden, wenn sie verhungert, zum Futter für Geier.

Und einer von ihnen stolperte, ausgetrocknet und verrückt vom gleißenden Mittagslicht, in einen notorisch blutdurstigen und ungastlichen Nomadenstamm hinein, direkt auf den Kultplatz.

Und die harten Herzen der Barbaren wurden von seinem Zustand auf einmal derart zu Mitleid gerührt, daß sie ihm Brot und Tee anboten – dürftiger Luxus eines Feldlagers.

Aber er war ohne Verständnis dafür; und vergessend, das alle Dinge von Gott kommen, wies er Brot und Wasser ab und starb.

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Wieder Wüste

WÜSTE

„Von Seiten der christlichen Gemeinschaft – dessen, was sich einmal so nennen konnte, oder seiner Überbleibsel – entspringt eine verzweifelte Sehnsucht nach der jüdischen Form der Entortung, als Exodus, als Wüste.“

Massimo Cacciari. Über das Gesetz. Irrende Wurzel. in: Ikonen des Gesetzes. (Dt. von Nils Röller)

Tichon Tschurilin

Die Wüste

Mönch ja Moos ja Höhe ja Humus
(darum) ja herunter und her.
Sinken, – bis hier die Zuordnung ruht
Ruh_ort_o_mor.
dahin treibe auf Treibsand.
Und mit wem du auch sprichst? Mit Fisch?
Wein weint weiter im Whisky –
und das Tor mit blauendem Knödel?
Gnade mir vor, Gott vertrau.
Welle wallendes Blau.

(Dt. Von Jan Kuhlbrodt)

(Interessant bei Cacciari, der sich auf Rosenzweig bezieht, und auch bei Tschurilin die Verbindung von Wüste und Meer)

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Cacciari

Ich lese in Cacciaris „Ikonen des Gesetzes“ und bin sehr dankbar, weil ich mir darauf hin endlich Rosenzweigs „Stern der Erlösung“ bestellt habe, ein Buch dessen Anschaffung ich mir seit bald 30 Jahren sicher wöchentlich vorgenommen, und weil ich wieder an den Grund meines Interesses an der Philosophie gelange. Ausserdem enthält das Buch eine sehr brauchbare Heideggerkritik in Auseinander- oder Entgegensetzung der Volksbegriffes bei Heidegger und Rosenzweig. Soviel zum Sonntag.

„Wenn es möglich wäre, diese beiden Perspektiven nicht als solche zu verstehen, die miteinander unverträgliche Wahrheiten annehmen, die unvermögend sind, einander zu antworten, sondern die in Form einer direkten Polemik aufeinandertreffen können, so würden gerade die Konsequenzen der Kritik Heideggers ein großes Gewicht für die Idee der Erlösung erhalten.“ a.a.O S.26

 

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Rettung

Es war so: ich hab versucht zu arbeiten, aber es war kein Wintersport, und ich konnte mich nicht konzentrieren. Es gibt so Tage, da brauche ich die Geräuschuntermalung aus dem Fernsehen, um auf Gedanken zu kommen. Wintersport funktioniert sehr gut und im Sommer die Tour de France. Aber es war ja kein Wintersport im Fernsehen und auch kein Sommer.

Zum Glück klingelte, der Postbote, der sonst immer nervt, weil er für gewöhnlich alle Pakete des Hauses in unserer Erdgeschosswohnung ablegt. Er brachte ein Päckchen vom Elif Verlag mit den Belegen der 2. Auflage meiner Novelle „Das Stockholmsyndrom“, und der Verleger hatte einige Titel des aktuellen Programmes dazu gepackt. Jetzt konnte ich mich plötzlich ganz ohne Wintersport konzentrieren. Denn wenn die Texte gut sind, kann man auch auf die Geräusche sich auslaugender Sportler verzichten. Und ich las und lese in zwei wunderschön gestalteten Büchern mit sehr unterschiedlichen Texten. Hung-Min Krämer und Jonis Hartmann. Großes Kino.

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Traum/Sonho

Die momentlange Hoffnung (Um sonho)

Chemnitz sei Grandola und gesungen
ein alentejanischer Choral
Frauen mit Hüten über dem Kopftuch
Männer mit Hüten. Saubere Haut
nicht dieser Staub und keine
praktischen Stiefel, mein Lieber, Sandalen.
Nach José Alfonso
Grandola erdfarbene (morena)
Brüderliche Erde. Schwesterliche
Erde wo keiner den Takt
vorgibt. Im Inneren der Stadt
Kein Takt
Wo Gleichheit keine Drohung
Im Gesang. Im Schatten des Olivenbaums
hier sei es eine Weide
geweckt. Der Traum
Wo keiner den Takt vorgibt
Im Innern der Stadt

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Athos

für H.

Als ich Kind war, spielten wir, meine Freunde und ich, auf dem Spielplatz zwischen unseren Wohnblocks im Karl-Marx-Städter Yorckgebiet meist Filme oder Fernsehserien nach. Das Klettergerüst, das ein aus gelben kinderarmdicken Rundstrählen nachgebildetes Dromedar war, verwandelte sich je nach Geschichte in eine Kutsche, einen Panzer oder ein Piratenschiff.
Das heißt, wir kamen meist nicht wirklich ins Spielen, weil wir Besetzungsfragen zu klären versuchten, wer also wer ist; Francis Drake, der Piratenkapitän, Janek, der Kommandant der vier Panzersoldaten, und vor allem d’Artagnan, weil wir sehr oft die drei Musketiere spielten.
Bei den Musketieren aber lenkte ich schnell ein, um den Streit zu verkürzen, und gab mich mit der Rolle des Athos zufrieden, jenes geheimnisvollen intellektuellen Fechters. Außerdem war er von Anfang voll gültiger Musketier und nicht, wie d’Artagnan zunächst nur Kadett.

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