Und ich lese

Jesaja 1-52

in der Übersetzung Gershom Scholems/ und ich erinnere mich wie ich diese Passage zum ersten Mal las, weil diese Aufnäher kursierten in der DDR. Schwerter zu Pflugscharen. Und einige, die diese Aufnäher trugen, der Schule verwiesen wurden. Und das brachte mich dazu, die Bibel zu lesen. Aber damals las ich die Lutherübersetzung und war verwirrt, verwirrt von der Gewalt, die in Luthers Sprache sedimentiert. Und auch die Staatsorgane letztlich beriefen sich auf Luther. Das ging!

Und jetzt in der Übersetzung Scholems wird mir die Schönheit dieser Verse plötzlich gegenwärtig, und die Schönheit der Aufzählung.

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Pfingsten 1981

Pfingsten

Die Karl-Marx-Städter Schüler waren in einer Turnhalle untergebracht, Delegierte aus allen Schulen der Stadt, umstellt von Elfgeschossern im Neubaugebiet des Stadtbezirkes Berlin Lichtenberg. Pfingsttreffen. Ein Schulhof, der keine größere Herausforderung darstellte. Mit geschlossenen Augen hätte ich den Weg zur Toilette gefunden, denn das Gebäude, normiert, glich dem Gebaude meiner Schule bis auf den letzen Kiesel, der in den Gehwegbeton eingebacken war. Sicher hingen in den Fluren auch die hilflosen Versuche der mittleren Klassen, mit Temperafarben eine Raumstation zu imaginieren, hilflos an langen Strichen die Raumfahrer schwebten und auf dem Helm in Großbuchstaben CCCP:

Gott war das in meinem Fall schief gegangen! Zwar hatten sich Gedanken in meinem Kopf überschlagen, aber aufs Papier brachte ich mehr oder weniger nur einen mittelgrauen Wurm vor einem violetten Hintergrund (das All), der die Raumstation darstellen sollte und zentral einen roten Krakel trug, in dem nur mit Vorwissen und gutem Willen ein fünfzackiger Stern erkennbar war. Als wäre das Papier, das das Symbol trug, nach tagelangem Regen in einer Pfütze gelandet. Dabei hatten wir gerade diesen Stern über die Jahre heftig geübt. Aber der Umstieg von Buntstift auf Tempera wollte mir nicht gelingen und ging auf Kosten der Erkennbarkeit des Dargestellten von statten.

Es war recht warm für einen Juni, Butter und Schmelzkäse in den Verpflegungsbeuteln, die wir am Morgen ausgehändigt bekommen hatten, verloren ihre kantigen Formen, schmiegten sich in die kurvigen Rücken, die durch die Rucksäcke drückten. Wahrscheinlich hätte ich aus den Abdrücken in den Lebensmitteln einiges über den Zustand meiner Wirbel erfahren können, aber ich war in einem Alter, in dem ich mich für derlei Dinge nicht interessierte. Schon gar nicht für die eigenen Wirbel. Ich sah den Älteren etwas neidisch beim Rauchen zu. Es würde noch einige Zeit dauern, bis der Tod als drohende Gewissheit in mein Leben trat.

Am Eingang zur Turnhalle, deren Vordach und Türen auch der der Karl-Marx-Städter nachgebildet war, oder die sie zitierten, waren Spruchbänder; Fahnen und Standarten abgestellt, als rüstete man sich für ein Turnier. Aus Lautsprechern tönten blechern die Lieder der FDJ und anderer befreundeter revolutionärer Kollektive. Beim Flug zu den Sternen, baun wir unsrer Heimat Glück. Wer möchte nicht im Leben bleiben? Auch hier der Tod als Drohung, die nicht so recht ernstzunehmen war, in folkloristischer Verkleidung als Atomtod. Ein Tod, der uns zwar bedrohte, aber einen fremden überwundenen System anhing, das jedoch in seinen letzten Zuckungen immer noch drohte. Ein sterbendes Raubtier. Und die Verheißung war ein Leben jenseits der Erdumlaufbahn. Der Kontakt zu fremden Zivilisationen, soweit sie über ein vertrautes Wirtschaftssystem verfügten, in dem der Arbeiter zwar bescheiden lebte, aber ohne von Herren mit dicken Bäuchen und Raubtiergebiss ausgebeutet zu werden.

Die Blauhemden verschmolzen im Flimmern der Sonne zu einem trockenen Meer. Ich fragte mich, ob es stimmte, dass auf diesen Jugendtreffen hemmungslos von den Lüsten Gebrauch gemacht wurde, so dass die nationale Geburtenrate zehn Monate später in die Höhe schoss. Jedenfalls hatte Pascha, ein Klassenkamerad mit schlechten Zähnen, diesen Mythos verbreitet und dabei auf eine recht verkniffene Art gezwinkert. Die oberen vier Knöpfe seines Hemdes trug er offen, und ich fragte mich, warum es gerade vier waren. Seine haarlose Brust lugte in einem merkwürdigem Gelb daraus hervor.

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Rahel Levin Varnhagen

Es gibt einen Eintrag in ihrem Tagebuch vom 5. November 1819. Es geht ihr um das Verhältnis von Gegenwart und Geschichte. Er beginnt: „Es soll eine Zeit kommen, wo Nationalstolz eben so angesehen werden wird wie Eigenliebe und andere Eitelkeit: und Krieg wie Schlägerei: dem jetzigen Zustand widerspricht die jetzige Religion: …“

Dieser Eintrag, der sich im Folgenden auch mit Geschichtsschreibung befasst, nimmt einiges vorweg, was Marx ca. 30 Jahre später in seiner Schrift zum 18. Brumaire ausarbeiten wird. Bei Varnhagen:

„Römische Geschichte aufführen wollen mit Intermezzos aus Ludwig des 14. Leben half Napoleon detronisieren. Es muss bald eine Zeit kommen, wo die Geschichtsskribenten die durch die Geschichte ins Leben gucken, von denen die sie durch das gegnwärtige Leben auffaßen und darstellen scharf, und klassenweise werden unterschieden werden.“ Rahel Levin Varnhagen. Tagebücher und Aufzeichnungen. Göttingen 2019. S.238

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Verzeichnis

Und war …

Über dem Hügel Dünen und Spuren
verwischt nun vermischt mit den Bärten
die durch Tische wachsen.

Dabei weht gar kein Wind
und der Sand wie es scheint
bewegt sich aus eigener Kraft.

Lauf um dein Leben lauf in dein Land
vergiß nicht das Wasser und die Geschichten nicht
und niemals die einzelne Taube,
die auf dem Balken dort saß
als könne sie sich mit Zweigen bedanken.

Eine Wasserdampftaube
ein mechanischer Vogel
und weitab vom Meer
imitiert er kehlige Laute.

Wir hatten hoffen gelernt
lange bevor wir lernten
zu wissen und zu vergessen.

Die seltsam vertraute
Himmelsmechanik:
Dabei weht gar kein Wind

Und der Sand, wie gesagt
bewegt sich von selbst.
Wir schlagen, sagst du,
Der Schwerkraft ein Schnippchen.

Und ich taste nach meinem Werkzeug.
Dabei führt mir schon lang
eine Ameisenstraße
quer über den Fuß.

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Parallellektüren 2

Aber erst am zweiten Tag überkommt mich diese Erschöpfung. Am ersten Tag nach der Reise scheint noch genug Adrenalin im Blut gewesen zu sein, dass die Lektüren federleicht scheinen. Ich begebe mich in komplizierteste Konstruktionen, genieße das Vage. Und da sind die Übersetzungen der Psalmen durch Scholem. Als gäbe es diese Nähe zu Gott auch für mich, zu einem Gott, der ganz jenseits meines Glaubens existiert.

Am zweiten Tag aber ist er immer noch da, für mich allerdings nur als Konstruktion eines anderen. Ohne diese Nähe, die mir gestern noch gegenwärtig. Trance?

Ganz anders jetzt bei der Lektüre einiger Gedichte von Jerome Rothenberg in der Übersetzung von Norbert Lange. Als sei dieses Polen, das Polen Rothenbergs, dieses vergangene Polen so etwas wie eine Heimat. Aber wie kann das sein? Bin ich doch weder Pole noch jüdisch. Und da sind diese beiden Gedichte: Seife (1) und Seife (2) und Seife (2) endet so:

„Ich darf nicht nehmen was einem anderen gehört/ & es kotzt mich an“/ Schon immer hat es solche Städtchen gegeben

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Parallellektüren 1

Parallellektüren: . Sprache als Mischwald. Bachtin. Levin Varnhagen. Scholem.

Wenn die Sprache für Scholem aus der Schrift erwächst (Hebräisch) verweigert sie sich bei Varnhagen (noch) einer vereinheitlichten Schreibung (Deutsch).

„So bin ich, wenn ich hin und wieder deutsch schreibe, ein altmodischer Autor, ich schreibe noch immer das Deutsch meiner Jugend und bin dann plötzlich betroffen, wenn sich herausstellt, daß Worte, Bilder und Assoziationen, die Sinn Würde und Zusammenhalt hatten, tabu geworden sind und nicht mehr gebraucht werden können, weil sie in der Sprache des 3. Reiches zu Tode geritten worden sind, mindestens für diese Generation wie das Wort Anliegen.“ Gershom Scholem: Sprache. in: Ders. Poetica. Berlin 2019 S. 310

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Anstelle eines Kommentars

Ex Archia

Wie weit wir doch von der Welt entfernt sind
Die Schmerzen im Knie unbestimmt und ich weiß
Wenn ich hinter mich blicke nicht einmal
Über welchen Stein ich eben gestolpert bin.

Das Bild,
Bild vom Bild,
der Klang
Und irgendwas holpert
künstlich Schikanen.

Geräusche
Noch nicht getrennt.
Kein Satz,
der zitierbar wäre.

Geruch
und Geschmack,
Gegen die Wand.
Das Wasser im Glas ein Nebel
mit Schlieren.

Die Töne, mein Lieber. Geräusche
Bis zur Wirklichkeit dämmen.
Ein Vorgang außerhalb der Geschichte.
White Noise. Am Nachbartisch

Leute mit Büchern,
Gedanken
als Ware.
In Zeitungspapier eingeschlagen,
die Ware als Wache.
Als hörte ich die Welt, sagst du,
Zum ersten Mal. Stimmen und Instrumente.
Vereinzelt Motoren in der Fußgängerzone.
Frischfisch und Brote und Flaschen
Gegeneinander. Dinge
Des täglichen Bedarfs. Abends drängen
Durch das verschlossene Fenster
Die Autoscheinwerfer ins Zimmer
Schatten über dem Stuck.

Was endet
an stillgelegten Gleisanlagen?
Die Restlaute Explosionsverwehung,
Stimmen des Krieges
Geschichte in Obertonwelten.

Zwischen den Buchstaben lesen.
Als schöpfe die Sprache
aus dem Vollen,
Den Wolken, ein Arsenal
Wendung, Semantik, Gefühl.

Abspachteln, Zahnschmelz, am Nebentisch
Stimmengewirr griechisch sagst du
Und mußt es ja wissen denn du
Trägst einen Reiseführer in deiner Tasche
Und kennst dich hier aus.

Nachtrag

Die Bücher liegen ungerührt, alte Tapete
Ach Liebste, wie viel liegt mir an dieser Sekunde
Ein Alibi. Hammer, der Kopf und die Wand,
Putz, Mörtel, Ziegel und Restrauschen.

Ziegel Putz Mörtel und durch die Tapete
Durch die Farbschicht ein gedehnter Vokal,
Eine RauhfaserAnomalie, Geschichte
In Obertonreihen. Dazwischen die Sieben
Arten Konsonanten zu bilden,

Ein Kratzen
Ein Zischen und Krächzen, Röcheln und Hauchen
Und Schnalzen, ein Schaben. Die Töne
Zu Wirklichkeit dämmen. Und Rauschen
Zu Worten nicht mehr getrennt.

Kindhaftes Lauschen.
o.T. 2

Das Geräuschhafte der Töne
Bei Kino im Untergeschoß.
Das Bild ist
Teppich mit Liebesspuren
Auf dem Parkett
Kaum zu erkennen.

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