Das Dogma des Textes und die Freiheit des Lesers

Als Leser sehe ich es gar nicht ein, mich auf eine bestimmte Art von Literatur festzulegen. Weder auf eine Gatung, noch auf einen bestimmten Stil. Weder bin ich Krimileser, oder Sachbuchleser, noch Lyrikleser oder irgend ein anderer Spezialleser. Das funktoniert nämlich bei komplexen organischen und geistigen Strukturen nicht so einfach mit der Triebbefriedigung. Von wegen: dieses Brötchen hat geschmeckt, ich ernähre mich von nun an nur noch von solchen Brötchen. Irgendwann wird alles fade, und man erinnert sich sehnsüchtig an den Moment, als der Geschmack neu und überraschend war.

Etwas anderes ist es für mich als Autor. Da halte ich an Stoffen fest und teste Formen aus, dass es den Anschein von Dogmatik haben könnte. Nicht nur den Anschein. Es ist dogmatisch, sich in einen Stoff zu verbeißen, alles aus ihm herauszupressen. Die Form als Schraubzwinge. Und es macht Spass.

Das Eine hängt, vermute ich, mit dem Anderen zusammen. Das Dogma des Textes und die Freiheit des Lesers bedingen einander.

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Heimat; Wüste

Friedrich Nietzsche gab diesem Gedicht viele Titel: Aus der Wüste mag ich am meisten.

„Die Krähen schrei’n“ – „Vereinsamt“ – „Der Freigeist“ – „Abschied“ – „Heimweh“ – „Aus der Wüste“

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,

Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,

Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,

Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg‘, Vogel, schnarr‘
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck‘ du Narr,

Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –

Weh dem, der keine Heimat hat!

ein anderes Wüstengedicht von Tichon TSCHURILIN

 

Пустыня

 Монах да мох да холм да хомут.
 Тому да в омут ут_о_мой,
 Утонуть, - а то ну ото смут -
 Уд _о_ морь!
 Тому тонуть в песке вблизке.
 И с кем говорить? с рыбой?
 Вино иное йнеить в виске -
 А гол с голубой глыбой ?
 Обол лобовой, Бог с тобой,
 - Волной вольну голубой!

 1918

 

Die Wüste
Mönch ja Moos ja Höhe ja Humus

(darum)  ja herunter und her.

Sinken, – bis hier die Zuordnung ruht

Ruh_ort_o_mor.

(darum) treibe auf Treibsand.

Und mit wem du auch sprichst? Mit Fisch?

Wein weint weiter im Whisky –

und das Tor mit blauendem Knödel?

Gnade mir vor, Gott vertrau.

Welle wallendes Blau.

 

und hier noch ein 2. Teil des Nietzsche Textes

II. Antwort
Daß Gott erbarm‘!
Der meint, ich sehnte mich zurück
In’s deutsche Warm.
In’s dumpfe deutsche Stuben-Glück!

Mein Freund, was hier
Mich hemmt und und hält, ist dein Verstand,
Mitleid mit dir!
Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!

 

und Hannah Arendt

Die Traurigkeit ist wie ein Licht im Herzen angezündet,

Die Dunkelheit ist wie ein Schein, der unsre Nacht ergründet.

Wir brauchen nur das kleine Licht der Trauer zu entzünden,

Um durch die lange weite Nacht wie Schatten heimzufinden.

Beleuchtet ist der Wald, die Stadt, die Strasse und der Baum.

Wohl dem, der keine Heimat hat; er sieht sie noch im Traum.

 

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Parallelen

Während Höcke am 17.Januar in Dresden seine faschistische Hetzrede hielt, wurden in Leipzig Mockau 400 Personen evakuiert, weil man eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden hatte.

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(Fürnberg)

(Fürnberg) Die Partei, die Partei, die …

dass die Partei immer Recht, oh Mann, und mein Onkel

ein anderes Lied vom gleichen Dichter, viel mehr,

melancholisch, Aussage einfach, die Sache liegt quer

Melancholie, keine Grenze zwischen Pathos und Trotz.

Inhalt ist Melodie. Mich holte es ab in Emphase.

Weil es eben ein anderes war, anders als die Gesänge

der andern. Das Label Aurora. Morgenröte, Panzerkreuzer,

auch meine Lieder, dabei gleich in der Zeit und auch nicht.

Es ist leicht, mit Vierzehn die Seite der Guten zu wählen,

überhaupt das Zauberwort: Anders. Und gut. Romantisch, Gefühl

angesichts des Wortes Schule. Schulhof. Gewühl.

Wir wollten Verdammte sein der Erde, unsere Verdammnis und die

der Andern endlich und endgültig beenden. Uns zu befreien. Erwachen.

Jeder Traum, jeder Tag, jeder Gedanke, da lag die Verschiebung

schon durcheinander. Parallelität, Verstrickung. Schlafen. Schlafen

Nicken. Träumen. Physikalisch unmöglich, politisch gewollt.

Gewusst. Wir banden uns ein, empfanden das aber nicht

als Verstrickung. Wer weiß, worin wir heute verstrickt sind.

II

Und Wissen. Was heißt das? Gewirr, Aufbietung von Kraft

Konzentration zu entwirren. Aber der Dichter umstellt

von Faschisten und von Genossen. Voll diese Welt

Und jeder Weg, jeder Gang, Flucht in jegliche Richtung.

Überall Feind. Da kann man angesichts eines Schlaganfalls

fast schon von Glück sprechen. Von Erlösung. Fürnberg;

Autor des Liedes, das zu beweisen den Stumpfsinn

der kommunistischer Kunst herangezogen mit Recht,

mit mit Billigung.

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Imaginäre Freundschaft

Man hat ja so ein paar philosophische Heldinnen und Helden. Bei mir sind es Hannah Arendt und Walter Benjamin. Gar nicht, weil ich ihre theoretischen Positionen in allen Punkten teile, sondern auf Grund ihres Stiles, ihres ausufernden Interesses für künstlerische Positionen und ihres Gespürs für Politik. Wenn ich Arendt oder Benjamin lese, fühle ich mich in einer Fremdheit auf eigentümliche Art aufgehoben, habe das Gefühl, ich könnte fast eine private Beziehung aufbauen. Es stellt sich etwas her, was man eine imaginäre Freundschaft nennen könnte.

Gestern las ich in einem Buch über Arendts Verhältnis zur Dichtung einen Brief, den Ingeborg Bachmann an Arendt geschrieben hat, eine Zeitlang nachdem sie sich 1962 in New York getroffen hatten, und dieser Brief ist in seiner freundlichen Beiläufigket der Hammer. Selten dass ich beim Lesen fremder Briefe so ein starkes Gefühl von Sympathie entwickelt habe.

Ich habe nie daran gezweifelt, schreibt Bachmann, dass es jemanden geben müsse, der ist, wie Sie sind, aber nun gibt es sie wirklich, und meine außerordentliche Freude darüber wird immer anhalten.

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Literatur und Authentizität

Im Angesicht des großen Vollstreckers erbat er sich Zeit, sein Leben noch einmal aufschreiben zu dürfen. Das wurde ihm gewährt, und er notierte Jahr für Jahr, Stunde für  Stunde, brauchte mehr Zeit dafür, als ihm im Leben gegeben war. Als er fertig war, stellte er fest, dass er jetzt noch aufschreiben musste, wie er das alles aufgeschrieben hatte, denn auch das gehörte jetzt zu seinem Leben. Erschöpft vom Schreiben und Leben des Lebens bat er den großen Vollstrecker nun aufhören zu dürfen, aber der schüttelte nur sachte den Kopf.

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Erinnerung auf dem Glatteisparcours

Adornos Natur

Das Neue ist nur durch subjektive Anstrengung, d.h. Durchbildung der Werke in sich, subjektive Vermittlung zu erreichen. Kapitulation angesichts dieses Problems führt zur Heraufbeschwörung des Überkommenen. Das Überkommene zum Glücklichen verzerrt, verspricht dann ein erfülltes Leben.

Diese Heraufbeschwörung hat im gegenwärtigen Leiden ihren Grund, ist die Flucht vor der durchwalteten Welt des zur Unerträglichkeit entmächtigten Subjekts.

„Die Anamnesis der Freiheit im Naturschönen führt irre, weil sie Freiheit im älteren Unfreien sich erhofft“1

Fast unauflöslich scheint das Dilemma, daß einzig das souverän agierende Subjekt zur Durchdringung fähig ist und andererseits die gesellschaftliche Struktur Souveränität unmöglich macht. Die Anstrengung des Geistes wird zum Gewaltakt. Das Subjekt muß an sich noch einmal vollziehen, was die Gesellschaft an ihm schon vollzogen hat. Dies scheuend beruft es sich auf scheinbar Vertrautes.

Dem naiven Bewußtsein gilt Natur als Gegenpart zur universell vermittelten Gesellschaft. Ihm entgeht dabei, wie sehr Natur gesellschaftlich vermittelt ist. Die Erfahrung unberührter Natur kann nur noch gelingen durch Konstruktion einer Aussicht in abgelegenen Teilen der Welt. Doch auch dort ist der Himmel längst zu einem „Luftraum“ geworden, gemustert mit den Kondensstreifen der Düsenjäger. Die vormals unendliche erscheint nur noch im Segment, sie ist gesellschaftliches Produkt. Aber als solches ist sie zuallererst wahrnehmbar. Unter dem Eindruck des Naturzwanges, des beherrschenden Charakters der Natur über den Menschen erschien sie sicher nicht als Objekt der Erbauung. Auch die Beobachtung des Astronauten, daß die Erde zwar schön und doch so verletzlich sei, ergibt sich letztlich aus den entwickelten destruktiven Kräften der Gesellschaft.

„Leicht jedoch täuscht der zivilisatorische Fortschritt die Menschen darüber, wie ungeschützt sie stets noch sind. Das Glück an der Natur war verflochten mit der Konzeption des Subjekts als eines Fürsichsseienden und virtuell in sich Unendlichen; so projiziert es sich auf die Natur und fühlt als Abgespaltenes ihr sich nahe; seine Ohnmacht in der zur zweiten Natur versteinerten Gesellschaft wird zum Motor der Flucht in die vermeintlich erste.“2

Geschichte hat sich eingegraben in das, was als Natur gilt. Nicht zu halten ist die Unterscheidung zwischen Natur- und Kulturlandschaft, zumal erstere angewiesen ist auf das schützende Eingreifen des Menschen.

Kulturlandschaften nähern sich in der Erscheinung den Kunstwerken an. In der Bearbeitung speichern sie Erfahrungen vergangener Generationen. An ihnen wird das Leid ersichtlich, das den arbeitenden Individuen widerfuhr.

„Die Figur des Beschränkten beglückt, weil der Zwang der Beschränkenden nicht vergessen werden darf; seine Bilder sind Memento. Beseelt klagt aus der Kulturlandschaft, die dort bereits der Ruine ähnelt, wo die Häuser noch stehen, was seitdem zur klaglosen Klage verstummte.“3

An Kulturlandschaften aber haftet noch etwas, was sie der Vermarktung in der Fremdenverkehrsindustrie entzieht. Die Touristen, zur ästhetischen Naturerfahrung kaum fähig, strömen in Scharen an die sanktionierten Orte, um dem Naturschauspiel beizuwohnen, das sie aus dem Fernsehen kennen. Ihr Blick lastet eher auf gigantischen Felsen, als auf den Dokumenten jahrtausendelanger Arbeit. Hier geht es vielmehr um das Vergessen des gegenwärtigen Leides, das auf den Einzelnen lastet, als um die Innewerdung des Vergangenen. Die Tendenz der Kulturindustrie setzt sich in der Form des Fremdenverkehrs fort. Versprochen wird ein Erlebnis ursprünglicher Landschaft. Diesem stellt man sich dann Kollektiv durch die Fenster eines Buses oder, über die Köpfe anderer hinweg, auf dem Gedränge eines Aussichtspunktes.

„Der Widerstand des Subjekts gegen die empirische Realität im autonomen Werk ist auch einer gegen die unmittelbar erscheinende Natur.“4

1Ästhetische Theorie, S. 104

2Ästhetische Theorie, S. 103

3Ästhetische Theorie, S. 102

4Ästhetische Theorie, S. 104

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