Nietzsches Aphoristik

Kofman schreibt knapp, aber treffend über Nietzsches Aphoristik. Und die Figur Nietzsche übersteht das in meinen Augen nicht ganz unbeschadet, da sie in seinem Elitismus ganz gut getroffen ist. Und ich selbst sehe auch die Ambivalenz diese Nietzscheanischen Haltung, die Populismus von vornherein ausschließt.

„Keine Lektüre ohne Interpretation, ohne Kommentar, das heißt ohne eine neue Schreibweise, welche den Sinn der ersten leicht verschiebt, die Perspektive des Aphorismus in eine neue Richtung treibt, ihn bei sich selbst ankommen lässt. Jede Lektüre gebiert einen anderen Text, schafft eine neue Form: Das ist er, der Effekt der Kunst.
Sarah Kofman: Nietzsche und die Metapher. Berlin 2014. S. 169

Werbeanzeigen
Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

„Es gibt ein Bild von Klee …“

So beginnt Benjamins neunte geschichtsphilosophische These. Dieses Bild gibt es und es hat in den Wirren der Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Weg zurückgelegt, der mehr als nur ein Roman ist.

Benjamin hatte das Bild, als er vor den Nazis nach Paris floh, in Deutschland lassen müssen, Freunden aber gelang es, den Engel Mitte der Dreißiger nach Paris zu bringen. Nachdem sich Benjamin auf weiterer Fluch den Nazis durch Selbsttötung entzog, versteckte Bataille es nebst einigen Manuskripten in der Pariser Nationalbibliothek. Später gelangte das Bild zu Adorno in New York, der es dann Gershom Scholem übergab, wie Benjamin in einem Testament verfügt hatte.

Hier die IX. These

Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
denn blieb‘ ich auch lebendige Zeit
ich hätte wenig Glück.
Gerhard Scholem, Gruß vom
Angelus

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Falbs Geospekulationen

Es ist das Buch zur Zeit, und es hat eine doppelte Bedeutung für mich. Einerseits begründet es eine notwendige Sichtweise über das Unmittelbare hinaus. Hier eröffnet es die Möglichkeiten im Bezug auf Kant. Und das ist dahingehend notwendig, um eine politische Handlungsoption zu entwickeln.

„Andererseits scheinen es solche Regimes genau zu erfordern, dass die generationalen Lebenden kognitiv in ihre posthume Welt ausgreifen, und aktiv mit Bezug auf Dinge zu handeln, die nur dort, nicht aber in ihrem Leben existieren.“ (S. 215)

Das ist im Grunde eine dramatische Bemerkung, da wir hier gefordert sind, in Bezug auf Zustände zu handeln, die zwar mit unserem Zutun zustande kommen, von denen wir aber selbst nicht betroffen sind. Deshalb das Insistieren auf Spekulation. Hier kommt Verantwortung in einem ganz speziellen Gefüge zum tragen, aber eben auch der Begriff der Sterblichkeit, und das nicht weiter existieren des Individuums in den Folgen seines Handelns, weil das Leben eben gegrenzt ist und endet.

Vieles, was die Schülerinnen und Schüler von Fridays for Future vielleicht intuitiv begreifen, findet in diesem Buch eine Philosophische Begründung.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Siehe, er kommt hüpfend über die Berge

Das ist vielleicht die schönste Bibelstelle für mich. Zum ersten Mal begegnete sie mir als Titel eines Romans von Jerzy Andrzejewski. Ich konnte es damals gar nicht glauben, dass das ein Vers aus dem Hohen Lied sein soll:

Hier die Übersetzung Scholems:

III. / Das ist die Stimme meines Freundes,/ Sieh, er kommt,/ Er überspringt die Berge,/ Hüpfet auf den Hügeln;/ Mein Freund gleicht der Gazelle und dem jungen Hirsche/ Siehe er steht an unsere Wand gelehnt,/ Er schaut hinab aus unsern Fenstern,/ Lugt durchs Gitterwerk./ Mein Freund hub an und sprach zu mir:/ Steh auf, Geliebte,/ Schönste, geh‘ hinaus!/ Denn sieh, der Winter ist vorüber, / …

Gershom Scholem: Poetica. S.239, Suhrkamp, Berlin 2019

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Ochsenziemer

Bei der Lektüre der Übersetzung des Buches Poyln 1931 von Jerome Rothenberg durch Norbert Lange bin ich gerade über ein Wort gestolpert, dass ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört habe, und das immer nur in diesem Zusammenhag gebraucht wurde: Da krischste eene mitm Ochsenziemer! Es blieb bei der Drohung, obgleich es im Haus eine derartige Lederpeitsche gab, weil mein Vater vor meiner Geburt einen Bernhardiner führte. Dieser Hund sei allerdings ein eher ängstliches Geschöpf gewesen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Und ich lese

Jesaja 1-52

in der Übersetzung Gershom Scholems/ und ich erinnere mich wie ich diese Passage zum ersten Mal las, weil diese Aufnäher kursierten in der DDR. Schwerter zu Pflugscharen. Und einige, die diese Aufnäher trugen, der Schule verwiesen wurden. Und das brachte mich dazu, die Bibel zu lesen. Aber damals las ich die Lutherübersetzung und war verwirrt, verwirrt von der Gewalt, die in Luthers Sprache sedimentiert. Und auch die Staatsorgane letztlich beriefen sich auf Luther. Das ging!

Und jetzt in der Übersetzung Scholems wird mir die Schönheit dieser Verse plötzlich gegenwärtig, und die Schönheit der Aufzählung.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Pfingsten 1981

Pfingsten

Die Karl-Marx-Städter Schüler waren in einer Turnhalle untergebracht, Delegierte aus allen Schulen der Stadt, umstellt von Elfgeschossern im Neubaugebiet des Stadtbezirkes Berlin Lichtenberg. Pfingsttreffen. Ein Schulhof, der keine größere Herausforderung darstellte. Mit geschlossenen Augen hätte ich den Weg zur Toilette gefunden, denn das Gebäude, normiert, glich dem Gebaude meiner Schule bis auf den letzen Kiesel, der in den Gehwegbeton eingebacken war. Sicher hingen in den Fluren auch die hilflosen Versuche der mittleren Klassen, mit Temperafarben eine Raumstation zu imaginieren, hilflos an langen Strichen die Raumfahrer schwebten und auf dem Helm in Großbuchstaben CCCP:

Gott war das in meinem Fall schief gegangen! Zwar hatten sich Gedanken in meinem Kopf überschlagen, aber aufs Papier brachte ich mehr oder weniger nur einen mittelgrauen Wurm vor einem violetten Hintergrund (das All), der die Raumstation darstellen sollte und zentral einen roten Krakel trug, in dem nur mit Vorwissen und gutem Willen ein fünfzackiger Stern erkennbar war. Als wäre das Papier, das das Symbol trug, nach tagelangem Regen in einer Pfütze gelandet. Dabei hatten wir gerade diesen Stern über die Jahre heftig geübt. Aber der Umstieg von Buntstift auf Tempera wollte mir nicht gelingen und ging auf Kosten der Erkennbarkeit des Dargestellten von statten.

Es war recht warm für einen Juni, Butter und Schmelzkäse in den Verpflegungsbeuteln, die wir am Morgen ausgehändigt bekommen hatten, verloren ihre kantigen Formen, schmiegten sich in die kurvigen Rücken, die durch die Rucksäcke drückten. Wahrscheinlich hätte ich aus den Abdrücken in den Lebensmitteln einiges über den Zustand meiner Wirbel erfahren können, aber ich war in einem Alter, in dem ich mich für derlei Dinge nicht interessierte. Schon gar nicht für die eigenen Wirbel. Ich sah den Älteren etwas neidisch beim Rauchen zu. Es würde noch einige Zeit dauern, bis der Tod als drohende Gewissheit in mein Leben trat.

Am Eingang zur Turnhalle, deren Vordach und Türen auch der der Karl-Marx-Städter nachgebildet war, oder die sie zitierten, waren Spruchbänder; Fahnen und Standarten abgestellt, als rüstete man sich für ein Turnier. Aus Lautsprechern tönten blechern die Lieder der FDJ und anderer befreundeter revolutionärer Kollektive. Beim Flug zu den Sternen, baun wir unsrer Heimat Glück. Wer möchte nicht im Leben bleiben? Auch hier der Tod als Drohung, die nicht so recht ernstzunehmen war, in folkloristischer Verkleidung als Atomtod. Ein Tod, der uns zwar bedrohte, aber einen fremden überwundenen System anhing, das jedoch in seinen letzten Zuckungen immer noch drohte. Ein sterbendes Raubtier. Und die Verheißung war ein Leben jenseits der Erdumlaufbahn. Der Kontakt zu fremden Zivilisationen, soweit sie über ein vertrautes Wirtschaftssystem verfügten, in dem der Arbeiter zwar bescheiden lebte, aber ohne von Herren mit dicken Bäuchen und Raubtiergebiss ausgebeutet zu werden.

Die Blauhemden verschmolzen im Flimmern der Sonne zu einem trockenen Meer. Ich fragte mich, ob es stimmte, dass auf diesen Jugendtreffen hemmungslos von den Lüsten Gebrauch gemacht wurde, so dass die nationale Geburtenrate zehn Monate später in die Höhe schoss. Jedenfalls hatte Pascha, ein Klassenkamerad mit schlechten Zähnen, diesen Mythos verbreitet und dabei auf eine recht verkniffene Art gezwinkert. Die oberen vier Knöpfe seines Hemdes trug er offen, und ich fragte mich, warum es gerade vier waren. Seine haarlose Brust lugte in einem merkwürdigem Gelb daraus hervor.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen