Keith Waldrop

Der amerikanische Dichter, Übersetzer und Verleger Keith Waldrop feiert am 11. Dezember 2012 seinen 80. Geburtstag. Wir gratulieren und hoffen, dass sein Werk in den nächsten Jahren auch in Deutschland eine weitere Aufnahme findet. Mit Hilfe Ben Lerners und des Gutleut Verlages werden wir in der nächsten Zeit einen erneuten Versuch in dieser Hinsicht starten.

und etwas nachträglich hier bald unser Geschenk

Happy Birthday Keith Waldrop

Hier ein paar kollegiale Grüße über den großen Teich:

Elke Erb

Für sich sein (Studie)

Ein junger Amerikaner, schmal, sensibel, G.I.
(nach den Kriegen, großen Kriegen. Ausdehnungen
dieses Krieges,

nach den großen sich leerenden Dimensionen)
(Stiefel, freilich, unterwegs Stiefel, neben einem stehend,
Pause, Wiese).

Aber hier für sich sein, Mansarde Einfamilienhaus Ausland,
und die Dose aufziehn, löffeln die süße Kondensmilch,
schmökernd.
Die blassen Fensterle-Kreuze, Kieshof, Kastanienblüte.
Wegen der Blütenkaskaden ein hoher Grad Anwesenheit
der gezimmerten Meinung.
In der Dose unten ausgefällt Kalk, kleinkörnig.
Zarter Abschluß des Zeitteils.

9.7.06

Aus meinem unterschwelligen Bewußtsein trat an die Oberfläche die Vorstellung von Keiths Waldrop als amerikanischer Soldat am Kriegsende und behauptete sich auf der letzten Seite meines Buches „Sonanz“ (Urs Engeler, 2008).

Elke Engelhardt:

kiki-smith-meets-keith-waldrop

Jan Kuhlbrodt

Versuch einer Übertragung aus dem Amerikanischen:

Keith Waldrop

The Silhouette of the Bridge 

(Erinnerungs-Stand-ins)

Ich komme nach Providence in jenem Alter, in welchem Dante in die Hölle stolpert.

Mit Acht, meinetwegen auch mit Zehn, beginne ich ein Tagebuch, nicht intensiv, mehr um Ereignisse festzuhalten, wenn ich mich recht erinnere, und nicht so sehr Gefühle.

Nach ein paar Wochen sehe ich, und denk, ich glaub es nicht, wie mein Vater sich an meinen Schreibtisch setzt und in meinem Tagebuch liest.

Ich werfe das Tagebuch weg.

Ich fange nie ein neues an.

So viele Menschen und zu allen Zeiten glauben, dass jeder von uns ein kleines Universum sei, ein Gläschen, das das große Ganze spiegelt und in uns alles abgebildet ist, ganz winzig klein, in seiner Gesamtheit, eine Mikrowelt.

Avicenna aber geht von einer anderen Vorstellung aus. Wir sind, so mutmaßt er, in uns anfänglich ganz leer – da ist nichts in uns. Aber wir können, wenn wir denken, Stück für Stück, den Kosmos in uns aufnehmen, und alles reflektieren, Ding für Ding, so dass wir zu einem Spiegel des großen Ganzen werden. Aber wenn es uns misslingt, gehen unsere Seelen verstümmelt und nur zum Teil in die Ewigkeit ein.

Der Tod des Sängers erschüttert mehr, als der des Dichters, weil Gedichte und Erzählungen frei vom Körper dessen existieren, der sie geschaffen hat.

Ich gehe in die Vorhalle, um die Tür für die Nacht zu verriegeln.

Minuten später frage ich mich, ob ich die Tür schon verriegelt habe. Ich kann mich an das heutige Verriegeln nicht erinnern, spüre das Drehen des Riegels nicht in meinen Fingern und auch das Echo des Gefühls vom Einhängens der Kette nicht.

Zurück in der Vorhalle finde ich die Tür verriegelt, die Kette eingehängt.

Seltsam, wie Simone Weil einen Gegensatz von Schwerkraft und Gnade ausmacht, während Augustinus weiß, dass seine Liebe zu Gott eine überschwere Bürde ist, ein Ballast.

Um zu Hause zu sein, muss ich an dem Ort leben, an dem ich mich daran erinnere, gelebt zu haben.

Die Zahl der Spatzen nimmt zu. Und die der Tauben. Banden von Blauhähern.

Die selteneren Vögel aber verschwinden alle.

Ich bin in Providence nicht wirklich zu Hause, obwohl ich hier schon länger wohne, als irgendwo sonst.

Man bietet mir zum Kaffee eine Madeleine an. Die einzige Erinnerung, die das Gebäck auslöst, ist die an Proustlektüre.

Ich spreche keinen Dialekt, und Weiher sind für mich kleinere Teiche.

Irgendeiner sagt: „Vergangenheit ist nichts, was sich ereignet“, doch sie ist ein Szenarium in meinem Kopf, das mich dafür verantwortlich macht.

Avicenna stirbt an einem nicht näher bestimmbaren sexuellen Exzess.

Dies ist eine Art Erinnerungstagebuch, das nicht festhält, was gerade heute geschieht, sondern das verzeichnet, was lange schon begraben liegt.

Ich weiß natürlich, dass, indem Erinnerung Vergangenes festhält, die Vergangenheit in dieser Form gerinnt.

Unser Auge schafft Land.

Barbara Tax

übersetzte Water Marks:

WASSER
ZEICHEN
K e i t h W a l d r o p
[Underwhich, 1987]

Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache
in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben.
Denn sie kann ihn auch nicht begründen.
Sie läßt alles wie es ist.
WITTGENSTEIN (Philosophische Untersuchungen § 124)

§ 1
Selbst wenn sein Traum
mit dem Geräusch des Regens
tatsächlich verbunden gewesen wäre, er wird
dieses es regnet nicht von jemandem
annehmen der schläft.

§ 2
Es regnet.

§ 3
Zeiten des Traums, aber –
in, zum Beispiel, sich hinziehender
Müdigkeit – werden im erwachenden
Auge ausbrechen.

§4
Man braucht eine horizontale
Welt um das Blau des Himmels
zu stützen.
Ich kann kein Fundament legen, sondern
muss auf eine bauen.

§ 5
Worte stören ihn.
Bei einer bestimmten
Art zu sprechen
wird ihm schlecht.
Bis er sie sich wie Label ansteckt.
Ich bin das Haus
das … gebaut hat.“
(Erdbeben gärtnern.)

§ 6
Selbst in der entferntesten
Lichtung noch
plötzliche Missverständnisse.

§ 7
Keine Beschreibung stellt ihn zufrieden.
Wenn er sagt was passiert ist,
findet er es schon nicht mehr richtig.

§8
Es schüttet, überschwemmt
die schlecht kanalisierten Straßen und
zerstört jede Vorstellung von einem Draußen.
Selbst wenn sein Traum damit tatsächlich
verbunden wäre.

§ 9
Ohne wirklich zu denken, ein Netz, gewebt,
ist der Ablauf ein blinder?
Ist alles Rand, alles
Oberfläche. Wenn Du
getäuscht werden willst,
dann geh in die Tiefe.
Ein allgemeiner oder geplanter
Fehler „erklärt“ alles, wohingegen
alles was er wissen will
bis zum Horizont ausgebreitet liegt
und unaussprechlich ist.

§ 10
Wasser, wenn es ruhig ist,
kann Wolken reflektieren,
einen Kampf, kunstvolle
Trümmer, die typische Flora.

§ 11
Stücke eines Spiels – König, Königin,
Schloss – beschützen ihn vor
seinem altem Feind: Der Faszination
für verschwimmende Begriffe.

§ 12
Schau mal, das hier ….“ da
ist die Form eines stabilen Satzes.
Pass aber auf, gleichzeitig ändert sich
alles jeden Moment. Ach, aber jeden Schritt
den ich mache, wie unsicher auch immer,
führt zu so viel
Dauer
in den Wellen durch die ich
mich arbeite. Schau, jetzt,
wie die Straßen im Regen glänzen,
und diese Lichtspuren im Himmel
sind wie nichts auf Erden.

§ 13
Sogar wenn sein Traum

§ 14
Wenn ich frage, „wie
sind die Bögen gefallen?“
überbrückt das nicht
die Fragen
vom blauem Himmel und dem Grund? –
wenigsten für diesen freien Tag.

§ 15
Wörter auf so eine Weise
zu benützen, dass sie keine Grenze
einschließt.

§ 16
N.B. : Es gibt mehr
Insekten in Amerika.

§ 17
Von bestimmen Winkeln aus, kann man
sehen was das Wasser reflektiert
und außerdem den Grund des Sees – wie
eine Welt und
ihre Erinnerung – aber auch, in Punkten,
die Oberfläche selbst,
die nichts vom anderm trennt,
sondern nur sich
selbst als Oberfläche darstellt, ernst und still,
eine Oberfläche, auf der ein Gott gehen
könnte (so leicht trägt sie die
tiefsten Farbtöne), eine Oberfläche,
die einen Mensch in Versuchung bringen könnte
darauf zu steigen

§ 18
Und es gibt Dinge an die es
– aus irgendeinem Grund – schwierig
ist, sich zu erinnern.

§ 19
Sollen wir versuchen
mit unseren Fingern,
ein zerrissenes Spinnennetz
ganz zu machen? Solche Ausdrücke
begründen einen Stil – eine
Form von Besitz.

§ 20
Geh nicht weg.
Dieser Regen könnte eine
Erinnerung für Dich sein, eine
Erfindung, eine Metapher, eine
Anspielung auf die weltweite Flut – mit
ihrer Erwartung der Arche Noahs
und der Erfindung vom Regenbogen. „Dieser“ Regen
hörte so was bei § 10 auf und vor
einer ausgiebigen Durchsicht. In welchem Sinn
kann ich immer noch von einem
tatsächlichen Regen sprechen, sogar wenn

§ 21
Und wen wird das dreckige Wasser kümmern,
dass in die dreckigen Gullis rinnt, runter in
irgendeine Vergangenheit oder in ein gespieltes „jetzt“?
(Vergleich mal diese Verwendungen: „Jetzt wo
Wittgenstein tot ist…“ „Jetzt wo dieses Gedicht
zu Ende geht…“ „Jetzt muss sich
die Logik für sich selber sorgen.

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5 Antworten zu Keith Waldrop

  1. Pingback: Happy Birthday Keith Waldrop | Postkultur

  2. Pingback: 52. Keith Waldrop 80 « Lyrikzeitung & Poetry News

  3. Pingback: 53. Sonanz « Lyrikzeitung & Poetry News

  4. Pingback: Nachdenken über Wasser | muetzenfalterin

  5. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    nach der Schließung des Verlages Luxbooks standen wir mit dem Projekt erst einmal im Regen, freuen uns aber um so mehr, den Gutleut Verlag aus Frankfurt gewonnen zu haben. (oder er hat uns gewonnen)

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