Pfingsten 1981

Pfingsten

Die Karl-Marx-Städter Schüler waren in einer Turnhalle untergebracht, Delegierte aus allen Schulen der Stadt, umstellt von Elfgeschossern im Neubaugebiet des Stadtbezirkes Berlin Lichtenberg. Pfingsttreffen. Ein Schulhof, der keine größere Herausforderung darstellte. Mit geschlossenen Augen hätte ich den Weg zur Toilette gefunden, denn das Gebäude, normiert, glich dem Gebaude meiner Schule bis auf den letzen Kiesel, der in den Gehwegbeton eingebacken war. Sicher hingen in den Fluren auch die hilflosen Versuche der mittleren Klassen, mit Temperafarben eine Raumstation zu imaginieren, hilflos an langen Strichen die Raumfahrer schwebten und auf dem Helm in Großbuchstaben CCCP:

Gott war das in meinem Fall schief gegangen! Zwar hatten sich Gedanken in meinem Kopf überschlagen, aber aufs Papier brachte ich mehr oder weniger nur einen mittelgrauen Wurm vor einem violetten Hintergrund (das All), der die Raumstation darstellen sollte und zentral einen roten Krakel trug, in dem nur mit Vorwissen und gutem Willen ein fünfzackiger Stern erkennbar war. Als wäre das Papier, das das Symbol trug, nach tagelangem Regen in einer Pfütze gelandet. Dabei hatten wir gerade diesen Stern über die Jahre heftig geübt. Aber der Umstieg von Buntstift auf Tempera wollte mir nicht gelingen und ging auf Kosten der Erkennbarkeit des Dargestellten von statten.

Es war recht warm für einen Juni, Butter und Schmelzkäse in den Verpflegungsbeuteln, die wir am Morgen ausgehändigt bekommen hatten, verloren ihre kantigen Formen, schmiegten sich in die kurvigen Rücken, die durch die Rucksäcke drückten. Wahrscheinlich hätte ich aus den Abdrücken in den Lebensmitteln einiges über den Zustand meiner Wirbel erfahren können, aber ich war in einem Alter, in dem ich mich für derlei Dinge nicht interessierte. Schon gar nicht für die eigenen Wirbel. Ich sah den Älteren etwas neidisch beim Rauchen zu. Es würde noch einige Zeit dauern, bis der Tod als drohende Gewissheit in mein Leben trat.

Am Eingang zur Turnhalle, deren Vordach und Türen auch der der Karl-Marx-Städter nachgebildet war, oder die sie zitierten, waren Spruchbänder; Fahnen und Standarten abgestellt, als rüstete man sich für ein Turnier. Aus Lautsprechern tönten blechern die Lieder der FDJ und anderer befreundeter revolutionärer Kollektive. Beim Flug zu den Sternen, baun wir unsrer Heimat Glück. Wer möchte nicht im Leben bleiben? Auch hier der Tod als Drohung, die nicht so recht ernstzunehmen war, in folkloristischer Verkleidung als Atomtod. Ein Tod, der uns zwar bedrohte, aber einen fremden überwundenen System anhing, das jedoch in seinen letzten Zuckungen immer noch drohte. Ein sterbendes Raubtier. Und die Verheißung war ein Leben jenseits der Erdumlaufbahn. Der Kontakt zu fremden Zivilisationen, soweit sie über ein vertrautes Wirtschaftssystem verfügten, in dem der Arbeiter zwar bescheiden lebte, aber ohne von Herren mit dicken Bäuchen und Raubtiergebiss ausgebeutet zu werden.

Die Blauhemden verschmolzen im Flimmern der Sonne zu einem trockenen Meer. Ich fragte mich, ob es stimmte, dass auf diesen Jugendtreffen hemmungslos von den Lüsten Gebrauch gemacht wurde, so dass die nationale Geburtenrate zehn Monate später in die Höhe schoss. Jedenfalls hatte Pascha, ein Klassenkamerad mit schlechten Zähnen, diesen Mythos verbreitet und dabei auf eine recht verkniffene Art gezwinkert. Die oberen vier Knöpfe seines Hemdes trug er offen, und ich fragte mich, warum es gerade vier waren. Seine haarlose Brust lugte in einem merkwürdigem Gelb daraus hervor.

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