Der Mann, der in den Weltraum flog

Mitte der Neunziger sehe ich eine Installation des russischen Künstlers Ilja Kabakov. in Hellerau bei Dresden, im Festspielhaus, das notdürftig für eine Ausstellung hergerichtet wurde. Erbaut war es  in einer fiebernden Vision des Aufbruchs. Symbol des Ying Yang in einem runden Erkerfenster. Der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts grüßte sein Ende. Dazwischen lagen wir, Bewohner und Besucher, Beginn und Ende betrachtend von Holzstiegen aus, die an provisorisch zusammengezimmerte Bootsstege erinnerten. Rohes Holz, wahrscheinlich Fichte. Das schnelle Wachstum hatte für splitternde Oberflächen gesorgt.

Wir waren dem gleichen Utopischen Kosmos entsprungen wie Hellerau und der Phantastische Roman Alexei Tolstois, die Sowjetunion und der Nationalsozialismus. Utopien, die uns dazu verleiten sollten, sie für das Ziel der Geschichte zu halten, ihr Ende und den Anfang des Glücks. Es ist unglaublich, wie viel Ewigkeit in ein Jahrhundert passt und wie es dann doch an den schieferigen Rändern ausfranst..

Kabakovs Installation. Ein Ort der durch die Zukunft hindurch ins Gegenwärtige ragt. „Der Mann der in den Weltraum flog.“ Ein Ensemble von breiten starken Gummis aus einem Material, das mich an die Hosenträger beim Militär erinnert, hängt so im Raum, als hätte es einem Menschen als Katapult gedient, ein Loch ist in der Decke. Sehnsucht, seine Zeit zu verlassen? Illusion? Technisches Unvermögen? Aber der Mann ist fort. Das Kunstwerk zeigt nur das Wie und nicht das Wohin. Zurück bleibt das Zeugnis seiner Anwesenheit und seines Abgangs. Menschenleer. Und wir als Betrachter.

Ein Jahrhundert, ein Muster.

Und hatte ich nicht auch von einem solchen Loch geträumt? Im Plattenbau auf dem Sofa liegend., während Hauptmann Lange langsam die Straße abfuhr auf der Suche nach meinem Hauseingang, und Sven seine Oma, wenn es sie denn gab, in Grünhainichen besuchte.

Im Grunde gab es gar keine Gegenwart, zumindest nicht für mich und nicht in Mitteleuropa. Ich hatte ja alles. No present. Die Zukunft, dass heißt in meinem Fall der Kommunismus; war in unerreichbare Fernen gerückt, war auch theoretisch von der ESG, der entwickelten sozialistischen Gesellschaft ersetzt worden, die es nun aufzubauen galt, und in der die Vorstufe verfestigt werden sollte. Herrschaft arbeitet nicht an ihrer Abschaffung. Nie! Und die Arbeiterklasse überzog ihre Pausen auf schmutzigen Werkshöfen und wartete auf Material. Bei ihr herrschte die Langeweile, zumal Farbfernseher teuer und nicht in ausreichendem Maße lieferbar waren, wie die Rennpappe genannten Autos, die offiziell Trabant hießen, Begleiter für eine Fahrt ins Blaue.

Der Sozialismus erblühte und starb zeitgleich zur Rockmusik, die, Ironie des Schicksals, nur mit enormer Verspätung durch den eisernen Vorhang drang. Man könnte einwenden, dass die Rockmusik überlebt habe, aber auch der Sozialismus lebt fort, als überzeitliche Illusion, als Untoter, als Stimme in einer Konserve, als übergroßes Foto.

Müßig von einem Wahrheitsgehalt zu sprechen, der der Kunst angeblich innewohnt. Die Wahrheit der Kunst ist maximal ein zur Hälfte vertrockneter und zur anderen angeschimmelter Avocadokern. Be careful with the age Eugene. Das war so etwas wie ein signalhafter Verhörer. Ich kannte die Platte allerdings nur von Kassette, hatte das Cover nur abfotografiert gesehen und Careful with the axe, Eugene, nie zu Gesicht bekommen.

 

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