Trakl 4 ever

IV

Einmal in einer der Mehrzweckkneipen, in der wir in der Woche das Schulessen verweigerten und Samstags die Abende verbrachten, weil die Diskotheken überfüllt im VZ jedenfalls, zitiert ein aus meiner Sicht älterer Mann, er muss so Mitte Zwanzig gewesen sein, eben jenes Gedicht aus dem Gedächtnis. Es war also da. Anwesend. Vielleicht war der Mann im Tunnel gewesen, vorbeigekommen, als Impe es vorgetragen. Oder er kannte den Text, weil er ihn kannte.

Die geliehene Erfahrung führt weiter. Fühmann in seinem Essay über Trakls Gedicht Untergang:

Es prophezeit, was schon da ist, man sieht es nur nicht; in seinem Gedicht tritt es ins Bewusstsein, aber dies „es“ ist kein lokalisier- oder datierbarer Fakt. – Sein Gedicht meint nichts, es ist keine Allegorie, es sagt ein Modell des Untergehens, einen Prozess, nicht Ergebnis,…

Vielleicht war es genau diese Erfahrung, die wir uns erträumten.

VI

Schuberzeit

Im Schnee

NACHTERGEBUNG 1. Fassung

Ich bin mir nicht sicher, ob die anderen mehr kannten als ich, als dieses eine Gedicht,

auf dem Schuber gedruckt. Im Schnee. Ort und Umstand des Todes? Was soll ich wissen, um einen Autor zu kennen, über die Verfasstheit des Landes? Was noch? Nichts vielleicht, oder etwas, von dem ich nicht weiß, dass ich es wissen muss, das mich vom Holzweg meiner Unkenntnis auf den ausgetretenen Pfad einer Wissenschaft zurückführt. Aber vielleicht besteht ja der Zauber vor allem in der Unkenntnis, oder einer anderen Kenntnis, also in der Begegnung, im Kontakt mit einer Vorstellung von Wahrheit, die noch nicht die meine ist?

 

VII

Eine knapp bemessene Hülle, in der die Bücher eher klemmten als steckten. Und ich weiß nicht, ob ich dieses Gedicht Im Schnee bereits kannte, weil ich es gelesen hatte, vom Schuber abgelesen, im Buch danach gesucht oder irgendwo anders gelesen, vielleicht wurde es mir offeriert, von Impe aufgesagt, bevor ich das Buch gekauft, oder wurde von dem Angetrunkenen am Nachbartisch rezitiert, während der Kellner mit einer kleinen Bürste die Asche von der Tischdecke fegte, sehr akkurat, wie es ein Kellner nur mit dieser speziellen Bürste tat, Asche, die aufgrund ihrer Leichtigkeit nie ganz und gar im Aschenbecher zur Ruhe kam. Die Bücher steckten in Schubern, Tische in den Kneipen unter Tischdecken. Weiße! Kapitulation vor der Trunksucht? O Reinheit. Ich sah dem Kellner zu, hörte zugleich auf das Gedicht, das zu mir her klang, stoßweise die Verse eher versehentlich als Verse gesprochen. Aber Stoßseufzer waren es nicht. Im Gegenteil. Man hörte, der Sprecher schon einiges intus, gab sich Mühe, den Alkoholpegel auszugleichen. Mondnacht, du bleiche Mönchin. Aber statt deutlicher zu artikulieren, wurde er nur immer lauter, die Luft, die er angestrengt zwischen den Lippen herauspresste, von Speicheltropfen begleitet. Ich hörte, hörte die Tropfen wie einen entfernten Regen, ich bilde mir ein, dass ich sie hörte. Ich hörte, ich hätte es nicht sehen mögen. Im Schnee. Im Regen eher. Und wahrscheinlich ist auch erst November gewesen. Das Schuljahr im Gang, die Zeit aber, die kommende, schien endlos, lang selbst in jenem Jahr. Endlos zum Abitur, denn ich wollte der Schuber des Sozialismus sein, eine Gratisbeigabe der Geschichte im Weltbuchhandel.

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