Zensur?

Die Rechte beklagt Zensur. Das ist quatsch. Aber ich möchte aus einem Text zitieren, den ich für die Werbeschrift Bühne Sachsen verfasst habe, der aber, aus welchen Gründen auch immer da nicht veröffentlicht wurde:

In der legendären Inszenierung der beiden Teile des Goetheschen Faust in den Achtzigerjahren am Schauspielhaus Karl-Marx-Stadt spielte Matthias Günther den Mephisto. Mir ist von dieser Inszenierung noch einiges in Erinnerung, ich war Oberschüler damals und saß mit offenem Mund im Zuschauerraum, erschauerte angesichts des entfesselten Treibens in der Walpurgisnacht, feierte die Erfindung des Papiergelds samt anschließender Inflation und belächelte den greisen Idioten Faust, der erblindet angesichts seiner Grablegung von einer wuselnden Gemeinschaft phantasiert, aber am eindringlichsten erinnere ich mich daran, wie Günthers Mephisto, wenn er am Bühnenrand wie auf einer Rennstrecke hin und her eilte, mit seinem Klumpfuß immer wieder beinahe über den Souffleurkasten stolperte. Beinahe, denn jedes Mal riss er im letzten Moment den Pferdehuf hoch und überwand das Hindernis doch.

So wollte ich sein, wie dieser Teufel, der stets das Böse will und stets das Gute schafft, und sei es nur, einen Souffleurkasten unbeschadet zu übersteigen, oder zu überspringen. So wie es mir und meinen Landsleuten letztlich auch gelang, uns staatlicher Einflüsterung zu entziehen.

Vielleicht ist das der älteste Trick der Theatergeschichte. Und vielleicht ist es der beste, weil er sich nicht abnutzt und noch heute funktioniert, die Schnittstelle bildet zwischen Theater und Zirkus. Aufklärung und Slapstick.

Ja, Aufklärung und Slapstick. Hier sind wir mitten in der sächsischen Gegenwart, da sich die Bevölkerung, oder zumindest Teile davon theatralische Elemente zu ihrer Alltagskultur oder Protestkultur gemacht haben, aber leider nicht im aufklärerischem Sinn. Einige meiner Landsleute sind wahrhaft zu Teufeln geworden, rassistischen ohne mephistophelischem Humor, und wenn es einst darum ging, die staatlichen Einflüsterer zu überwinden, haben sie sich nicht zu aufgeklärten Bürgern emanzipiert, sondern die Feindbilder aufs einfachste ersetzt.

Der Feind ist ihnen nunmehr der Fremde, der bunte, der Harlekin. Sie treffen sich auch nicht mehr im, sondern vor dem Theater. In Dresden zum Beispiel sind einige von ihnen selbst in eine Art Pegida-Souffleurkasten gestiegen, erproben sich als rassistische Einflüsterer.

Aber auch hier erweist sich das Theater als aufklärender Hort, gerade wenn es zuweilen ohne Worte auskommt und mit der Inszenierung 2017 von Handkes stummen Stück Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten in Dresden mit Bürgerinnen und Bürgern auf dem Platz vor dem Schauspielhaus der rassistischen Dummheit den Ort streitig macht. Dann wird der öffentliche Raum wieder zur Bühne der Aufklärung, in dem Hanswurst und bunte Harlekine ihren Platz haben. Und auch der dialektische Mephistopheles, der über Souffleurkästen stolpert.

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Eine Antwort zu Zensur?

  1. Mr.Strikehardt schreibt:

    Mir gefällt die Vorstellung des Theaters als Ort der Aufklärung und des Slapsticks. Ich bin lediglich über die Formulierung „rassistischen ohne mephistophelischem Humor“ gestolpert. Was bedeutet das denn im Umkehrschluss? Rassisten mit mephistophelischem Humor sind weniger rassistisch? Das ist gewiss nicht gemeint und will ich nicht unterstellen. Hier scheint mir der Drang zur einfallsreichen Formulierung zulasten des Inhalts zu gehen.

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