Fahneneid – Skizze

Er sieht die winzigen Schweißperlen im ausrasierten Nacken des Vordermanns und spürt den Atem des Offiziersschülers, der hinter ihm steht. Ich schwöre! Der DDR meinem Vaterland allzeit treu zu dienen, und die Macht der Arbeiter und Bauern gegen jeden Feind zu schützen. Der heisere Chor, das Geflüster der Gruppe. Offizierschüler M., der die Fahne hält, sie halten darf, es sei eine Ehre, schläft im Bett über ihm und beschwert sich, wenn Schroth nach neun im Zimmer noch raucht.

Manchmal reibt Offiziwersschüler M. nachts sein Bein am eisernen Gestell. Das Bett vibriert dann leicht und regelmäßig. Ich schwöre, hört Schroth den Chor sprechen, und er bewegt lautlos die Lippen. In der Menge gegenüber, pastellen ungeordnet, steht irgendwo seine Mutter. Sein Blick sucht die Reihen ab, und Schroth wünscht sich, dass wenigstens sie stolz auf ihn wäre. Sie hätte es verdient. Stawai Strana ogromnaja. Der Stahlhelm drückt, und er verflucht die langen Unterhosen. Wer hätte auch wissen können, dass es Ende September noch einmal so heiß werden würde. Dass es wichtig sei, hatte der Genosse Generalleutnant gesagt. Dann spulte Stechbart, so sein Name, eine Aufzählung herunter, der Schroth nur schlecht folgen konnte. Und alle militärischen Geheimnisse zu wahren…, liest laut der General auf der Tribüne. Hände an der gedachten Hosennaht. Eine Dienstanweisung. Als Schroths Augen, wie es vorgeschrieben ist, die Fahne begleiten, spürt er wirklich so etwas wie Stolz. Er denkt an Filme. Die Soldaten der Roten Armee werfen Nazistandarten vor dem Leninmausoleum auf einen Haufen. Die Kämpfer wirken müde. Nach dem Appell wird er der Mutter sein Zimmer zeigen, das Stube heißt und das er mit drei anderen teilt. Sollte ich diesen, meinen feierlichen Fahneneid jemals brechen, soll mich die harte Strafe des Gesetzes und die Verachtung des gesamten werktätigen Volkes treffen, hört er sich sagen. Ich schwöre, spricht er im Chor mit den anderen.

Hier ist im Grunde Schluss:

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Eine Antwort zu Fahneneid – Skizze

  1. Der Emil schreibt:

    Diesen Eid hab ich auch geschworen. Im Herbst, aber Mitte/Ende Oktober 1982. Und es fühlte sich für mich sehr ähnlich an …

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