eine Fußnote von 94

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das noch so sehe, damals aber sah ich das so:

Literatur, welche mit dem Stempel Postmoderne versehen wird, wie zum Beispiel die von Pynchon oder Eco, ist dadurch nicht im mindesten erklärt. Beiden eignet in bestimmten Romanen (Eco in „Das Foucaultsche Pendel“ und Pynchon in „Die Versteigerung von No. 49“) ein bestimmter Umgang mit Geschichte, der diese als gegenwärtige den Protagonisten, durch subjektive Konstruktion, bedrohlich werden läßt, in den Tod oder Wahnsinn treibt.

„Ich habe alles begriffen. Und die Gewißheit, daß es da nichts zu begreifen gab, müßte meine Zufriedenheit und mein Triumph sein. Doch ich bin hier, der ich alles begriffen habe, und sie suchen nach mir, weil sie meinen, ich sei im Besitz der Offenbarung, die sie dumpf begehren. Es genügt nicht, begriffen zu haben, wenn die anderen sich weigern weiterzubohren.“ Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel, München 1992

„Und dabei hatten sie alle ihre Chance gehabt, früher, und die Möglichkeit, sich zu entfalten. Wie hatte es nur so weit kommen können? Jetzt war es, als ginge man zwischen den Matritzen eines riesigen Digitalrechners spazieren, über einem und vor einem hingen symmetrisch geordnet, nach links und rechts genau ausbalanciert wie Mobiles, die Nullen und Einsen, dick und fett, vielleicht endlos weit. Entweder es verbarg sich irgendein transzendenter Sinn hinter diesen hieroglyphischen Straßen, oder es war nur einfach Erde da, am Ende der Wege.“ Thomas Pynchon: Die Versteigerung von No.49, Berlin 1985, S.159

Sowohl bei Eco als auch bei Pynchon gerinnt Geschichte zum Kriminalfall. Das Tasten nach Sinn, nach Aufklärung reißt immer tiefere Löcher. Einzelne Linien sind zu erkennen, daß ganze jedoch wird durch eben jene Linien immer weiter verstellt, wird zum Dschungel. Gesellschaft stellt sich dar wie bedrohliche Natur, chaotisch verworren, in der das Individuum sich verirrt.

Bedrohlich für jenen, der ihre Sinnlosigkeit erkannt hat, weil er in ihr, um seine Existenz bangend, keinen Ausweg sieht, der ihm diese garantiert. Einsicht ist keine Zuflucht.

Dies verweist aber eher auf die Geschichtslosigkeit und Vereinsamung des Subjekts in der modernen Welt, als auf die Unmöglichkeit objektiver Geschichtsschreibung überhaupt, wie es postmoderne Theoretiker gern verkünden.

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Eine Antwort zu eine Fußnote von 94

  1. amruthgen schreibt:

    „Einsicht ist keine Zuflucht.“

    Was dann – habe ich Rolf Reinhold gefragt.
    Antwort: Sie ist die Entscheidung, das eine zu tun und alles andere zu lassen.

    Im vorliegenden Fall, sich fürs Individuum zu entscheiden und mit anderen gemeinsam Geschichte zu leben.

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