musste ich gerade dran denken

aus: Platon und die Spülmaschine

Philosophische Gespräche für 10 Mark

Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berühert wurden.

Ludwig Wittgenstein

Irgendwann werden meine Töchter mich fragen, was sie einmal werden sollen, oder sie eröffnen mir, wie es zehjährige Mädchen gern tun, daß sie irgendetwas mit Pferden machen wollen. Zum Glück ist das noch weit hin. Mit Pferden kenne ich mich nämlich nicht aus.

Ein Junge, der hin und wieder in unserem Haus einen Freund besucht, eröffnete mir kürzlich, daß er Philosophie studieren wolle. Na ja, dachte ich, das ist so eine Sache. Er ist ja erst vierzehn, und hat noch genug Zeit, es sich zu überlegen. Denn Philosophie ist nur für wenige ein einträgliches Geschäft, darum sollte man das Studium nicht mit der Hoffnung beginnen, einmal materiellen Gewinn daraus zu schlagen. Nach dem Studium steht für alle das gleiche Problem wie vor dem Sudium: Was soll ich tun.

Die meisten meiner Kommilitonen waren dann auch in fachfremde Bereiche abgetaucht oder ließen sich vom Arbeitsamt zum Projektmanager umschulen.

Einige Kollegen hatten sich aber auch Büroräume gemietet und „Philosophische Praxis“ an die Tür geschrieben. Ich stellte mir vor, wie sie darin hockten: hinter einem alten Schreibtisch mit einer Flasche Bourben in der obersten Schublade.

Ich hatte nach dem Studium kein Geld, aber eine Menge gelesen. Den Magister in Philosophie hatte ich in der Tasche. Also kaufte ich auf dem Frankfurter Flohmarkt einen alten Holzwechselrahmen, rahmte meine Prüfungsurkunde und begab mich in eine belebte Fußgängerzone. Vor meine Füße stellte ich die gerahmte Prüfungsurkunde und ein Pappschild, auf dem ich „Philosophische Gespräche für zehn Mark“ anbot. Die Sonne schien immer noch heiß, obwohl es bereits September war. Mit sechs bis sieben Gesprächen hätte ich meine Tagesfinanzen regeln können.

Niemand blieb stehen und ging auf mein Angebot ein.

Um die Wartezeit auf den ersten Kunden zu überbrücken und nicht über die schnöde Konsumwelt schimpfen zu müssen, las ich ein wenig in einer alten Hegelausgabe. Das schien mir angemessen und würde vielleicht die Ernsthaftigkeit meines Angebotes unterstreichen. Das vergilbte Papier knisterte zwischen meinen Fingern. Der Einband des Buches roch nach kaltem Rauch. Er mußte lange in der Bibliothek eines stark nikotinabhängigen Menschen gestanden haben, bevor seine Erben den Band dem Antiquariat angeboten hatten, in dem ich es gekauft hatte.

Es handelte sich bei dem Buch um Hegels Enzyklopädie. Einem vergleichsweise schmalen Werk, das das gesamte Weltwissen darlegen sollte, indem es erklärte, wie man zu jenem Wissen kommt, die Methode also. „Der Weg ist das Ziel“, wie man heute sagen würde. Ich blätterte wahllos darin herum. Der § 4 der Einleitung begann mit folgenden Worten: „In Beziehung auf unser gemeinsames Bewußtsein zunächst hätte die Philosophie das Bedürfnis ihrer eigentlichen Erkenntnisweise darzutun oder gar zu erwecken.“

Der Hegel, dachte ich. Wahrscheinlich hatte er genauso wie ich um die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen gebuhlt. Vielleicht hatte er sogar einmal in Tübingen unter einem Torbogen gesessen, in der Hoffnung, jemand würde seinen Geist zur persönlichen Sinnstiftung anzapfen und dafür bezahlen, vielleicht sogar die nette blonde Kellnerin aus dem Ausflugslokal vor der Stadt. Aber am Ende hatte er es geschafft, hatte ein erträgliches Einkommen und war sogar Professor in Berlin. Während ich darüber nachdachte, wie auch ich zu Ruhm und Reichtum gelangen könnte, muß ich wohl eingeschlafen sein.

Im Traum erschien ich mir selbst als Hegel. Er hatte einmal darauf verwiesen hat, daß sich alle Weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen gewissermaßen zwei Mal ereignen. Daraus schöpfte ich Hoffnung. Allerdings hatte ich ein Clownskostüm an. Und um mich herum stand ein Publikum, das ausschließlich aus bärtigen Männern bestand. Sie sahen alle aus wie der alte Karl Marx und lachten so laut, daß ich mir die Ohren zuhalten mußte.

Es war immer noch sehr heiß, als ich erwachte. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn auf das schwarze Hemd, das ich als Zeichen meiner Innung trug. Ich beneidete die Kollegen in den Philosophischen Praxen, auch wenn ihre Räume nicht klimatisiert waren. Ich muß solch einen jämmerlichen Eindruck gemacht haben, daß mir sogar ein Penner einen Schluck Whisky aus seiner Flasche anbot, als ich schwitzend und hungrig aufstand. Um die Menschen für Philosophie zu interressieren, scheint es leider nicht auszureichen, man sich einfach in die belebte Innenstadt setzt und seine Dienste als Gesprächspartner anbietet.

 

platon

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2 Antworten zu musste ich gerade dran denken

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    ich wollte nie was mit pferden machen. stattdessen hab ich was mit philosophie gemacht. allerdings nie, was du gemacht hast – gespräche für 10 euro in der fußgängerzone angeboten. schöne idee. vielleicht schreibst du ja mal eine geschichte daraus. ich würde sie gern lesen. das hier war jedenfalls dazu ein schöner „appetizer“.

  2. amruthgen schreibt:

    Das, was man nachdenkend herausfindet, ist meist so prosaisch, das kaum einer was davon merkt. Die überlieferte Philosophie steht leider in dem negativen Ruf GROSSE LÖSUNGEN liefern zu können. Dagegen hat sich inzwischen aus guten Gründen weltweit Skepsis verbreitet. Die Philosophen, die sich mit ihrem Eigenen unauffällig und bescheiden durchs Leben schlängeln und damit auch noch anderen nützen, sind mir die liebsten. Reichtümer wird man damit kaum gewinnen. Berufe, in denen man so etwas gebrauchen kann, gibt es.

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