nach Leibniz

 

Ein trüber Bach, der nach und nach aufklart, aufgeklärt wird. Schon sammeln sich an den Staustufen Junglachse. Die Flüsse seien früher voll davon gewesen. Bachneunaugen. Die wir ausgestorben wähnten. Über Jahrzehnte nicht gesehen. Auch Wölfe. Und kommen noch neue Arten dazu, Nutria, Waschbär. Verrottete Zäune aufgegebener Pelztierfarmen. Als in den Neunzigern die Kanäle in Leipzig geöffnet wurden, um die Bach- und Flussläufe wieder ans Tageslicht zu bringen, habe man blinde hundertjährige Karpfen gefunden, las ich. Und ich muss an das Wespennest denken, das mein Vater, als die Welt noch in Ordnung war, mit einem Wasserstrahl aus dem Gartenschlauch von der Schuppenwand spülte.

Mit den Tieren aber kamen die Kriege zurück.

Der Materialismus kommt immer zu spät. Er sitzt mit seiner Angel am Kai oder am Bachrand, oder er fischt mit künstlichen Fliegen, und hofft zu wissen, worauf er zu achten hat; aus der Situation des Wartens folgert er sein Überlegenheit. Lachs, ein Lachs, zappelt im Kescher. Wenn nichts passiert, meint der Materialist, er habe alles im Griff und ihm könne nichts passieren. Der Materialist meint sein Material zu beherrschen, seinen Lachs, und er beherrscht sein Material so, wie es ihn beherrscht.

Der Bach ist weit weniger abstrakt, als ich angenommen hatte. Er war nur übermauert. Jetzt ist er freigelegt, und man fand auch, als man die Röhren öffnete jene Karpfen vor, lebendig, ungenießbar, blind. Bleihaltige Ablagerungsfische.

Fortschritt ist, das, was einst als Fortschritt galt, wieder zu beseitigen. Mauern, Staaten, Religionen.

Show, don’t tell.

Ich habe mich immer für einen Materialisten gehalten, auch am Ende noch, auch noch gegen besseres Wissen. Und als Materialist hatte ich gegen besseres Wissen natürlich eine gewisse Arroganz entwickelt, gegen das Material, gegen den Lachs, auch wenn ich es selber war, der es besser wusste, zumindest es besser wissen musste. Das Bachneunauge ist nicht zu Angeln, mit der letzten Metarmorphose, zum Ende hin, zur Eiablage, büßt es sein Maul ein. Verhungert. Versprüht aber seinen Samen.

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