Alte Texte oder manchmal denke ich an Alfred Schmidt

Die Ampel

In der Liebe allein ist der Gott, der die Haare auf dem Haupte zählt, Wahrheit und Realität. Ludwig Feuerbach

Menschen, die sich intensiv mit Philosophie beschäftigen, haben einen etwas gebückten Gang. Das liegt wahrscheinlich daran, daß sie die meiste Zeit lesend und schreibend am Schreibtisch verbringen. Dabei schieben sie ihre Gedanken hin und her oder lassen sie um alle möglichen Dinge kreisen, von denen sie gehört haben oder die ihnen widerfahren sind. Und die Philosophen mögen es überhaupt nicht, wenn ihr Gedankengang unterbrochen wird, weil zum Beispiel gerade die Tischglocke läutet. Dann reagieren sie ungehalten und brummeln etwas vor sich hin wie: „Keinen Hunger.“ oder „Blöde Zeit jetzt.“ Meist halten sie sich jedoch an die guten Sitten, kommen aus ihrer Studierstube heraus und gehen zu Tisch. Ihren Gedanken aber wollen sie unbedingt folgen. Darum denken sie im Gehen noch weiter und stoßen schon mal den Salzstreuer um.

Studierten sie früher in kleinen Univeritätstädtchen, deren Straßen nur von wenigen Pferdefuhrwerken befahren wurden, leben sie heute in Großstädten mit pulsierendem Autoverkehr. Um zum Beispel vom Philosophischen Seminar der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zum Hauptgebäude zu gelangen, muß man eine viel befahrene Straße überqueren, die Senckenberganlage. Der Philosophieprofessor und Mitbegründer der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, war, so will es die Legende, fest davon überzeugt, daß diese Straße für seine Studenten, wenn sie in Gedanken versunken aus den Seminaren in die Mensa strömten, ein lebensbedrohendes Hindernis darstellt. Wie schnell, meinte er, käme hier ein großer Geist unter die Räder. Sicher hätte Adorno die Straße gern sperren lassen. Aber das war unmöglich. Deshalb mußte eine Ampel her, und als ich in den neunziger Jahren in Frankfurt am Main Philosophie studierte, gab es diese Ampel tatsächlich, und sie wurde liebevoll die „Adorno-Ampel“ genannt. Wahrscheinlich verdanke ich ihr, daß ich noch am Leben bin.

Während meines Studiums lernte ich aber nicht nur, gefährliche Straßen zu überqueren, sondern auch, daß Philosophie zwar klug macht, aber einem unter bestimmten Umständen auch zu einer gedanklichen Leichttigkeit verhilft, die an die körperliche Gewandheit eines Trapezturners erinnert. Man muß die Philosophie, wie wlle wichtigen Dinge im Leben, nur mit Leidenschaft betreiben und sich lustvoll durch die Textlabyrinthe bewegen.

Einer meiner Professoren war ein äußerst stattlicher Mann. Er wirkte riesig und schwer. Sein Stuhl schien unter ihm zu verschwinden und das Pult, an dem er sich zum Reden aufstellte, wirkte angesicht seiner Statur wie ein Spielzeug. Er war um die Sechzig und hatte diesen gebückten Denkergang und dazu einen recht melancholischen Gesichtsausdruck, in dem die Verzweiflung eines ganzen Lebens lag.

Den Semimarraum betrat er immer in Begleitung zweier Assistenten. Sie gingen einige Schritte hinter ihm und schienen über ihn zu wachen wie Bodyguards. Beide waren noch jung, so Anfang dreißig, aber sie bemühten sich um jene Haltung und jenen Gesichtsausdruck, die große Gelehrte ausmachen. Wissend nickten sie ins Auditorium und nahmen, wenn sich der Professor gesetzt hatte, zu seiner Rechten und seiner Linken Platz. Allerdings wirkten sie wie Zwerge neben ihrem Herren, sodaß sich uns Studenten ein etwas kurioses Ensemble bot, ein wenig wie die Karikatur auf die Laokoongruppe im Vatikanischen Museum. Die antike Plastik stellt den aussichtslosen Kampf Laokoons mit großen Schlangen dar, und zu seinen Füßen sitzen seine sterbenden Söhne. Der berühmte Philologe Wickelmann sprach angesichts dieser Gruppe von edler Einfalt, stiller Größe.

Wenn Alfred Schmidt, so hieß der Professor, aber über Ludwig Feuerbach referierte, verlor sich die Schwere seines Gemüts, die Last der Jahre und die seines Leibes. Seine Augen sprühten Funken, und er schien gleichsam über dem Auditorium zu schweben. Ein Mann von hundertzwanzig Kilo und sechzig Jahren wohlgemerkt; er kam mir wie ein Jüngling vor. Ihm dann zuzuhören, war ein Genuß und das Brausen der Autos, die über die Senckenberganlage jagten, verlor sich in den Gedankenketten, die Alfred Schmitt wie im Rausch in den Raum sprach. Er hatte die Schlangen besiegt.

Ich habe ihm einiges zu verdanken, vor allem die Gewißheit, daß Philosophie keinesfalls die trockene Wissenschaft ist, als die gern angesehen wird.

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