Alte Texte

aus: Platon und die Spülmaschine

Tiere auf Rolltreppen

Trotz unserer Unkenntnis über die Wege der Natur … kennen wir doch die einfachen und allgemeinen Gesetze, nach denen die Körper sich bewegen. d’Holbach in „System der Natur“

Tempo und Bequemlichkeit sind der Kern der Mobilitätsvorstellung des modernen Menschen. Er hat sich eine Menge Hilfsmittel ausgedacht, um die Fähigkeiten der Tiere, die er sah, nachzuahmen und sogar zu vervollkomnen. Der erste Gedanke war simpel. Sitzt man auf dem Rücken eines Pferdes, ist man so schnell wie ein Pferd.

Da Vinci sah die Vögel, wurde traurig, und machte sich daran, eine Flugmaschine zu entwickeln. So ging es über Lilienthal bis zum Airbus, von Ikarus bis zur Mondrakete.

Wir sind heute schneller als die schnellsten Pferde und fliegen höher hinaus als die Vögel.

Und wir haben uns Fortbewegungsmittel geschaffen, um die uns Tiere, wenn sie denken können, vielleicht beneiden. Rolltreppen zum Beispiel wie die in einer Unterführung in Frankfurt am Main.

Dieser Fußgängertunnel verbindet den Hauptbahnhof mit dem angrenzenden Rotlichtviertel. Es ist schon spät, und die wenigen Passanten, die noch unterwegs sind, beeilen sich, die letzte Straßenbahn nicht zu verpassen. Ein paar Obdachlose haben es sich in Nischen vor verschlossenen Türen bequem gemacht. Sie trinken Schnaps aus Flaschen, die sie in Zeitungspapier gewickelt haben. Mag sein, sie schämen sich ihrer Trunksucht, viel eher aber wollen sie den Alkohol vor ihren Leidensgenossen verstecken. Das ist allenfalls ein leeres Ritual, den jeder der Obdachlosen weiß, was die anderen in dem Papier versteckt halten.

Alles ist ruhig. Die Zugluft treibt Pollen durch die Unterführung, und einer der Penner niest. Plötzlich wird die Lichtschranke an der Rolltreppe am Ausgang ausgelöst und die Motoren setzen sich mit einem tiefen, schabenden Geräusch in Bewegung. Auf der Rolltreppe ist niemand zu sehen. Ich bin etwas verstört. Wahrscheinlich ist ein Kontakt locker, denke ich, und nun arbeitet die Rolltreppe einfach ins Leere hinein.

Als ich mich noch einmal umdrehe, sehe ich einen kleinen Hund auf der Fahrtreppe stehen. Souverän reckt der Hund seinen Kopf in die Luft, als merke er, daß er sich gerade einer Errungenschaft der menschlichen Zivilisation bemächtigt. Die treibenden Pollen stören ihn nicht. Eine Promenadenmischung. Oben angekommen, springt der Hund rüber auf die Steinstufen und rennt nach unten, um dann die Rolltreppe erneut in Gang zu setzen. Er scheint Spaß daran zu haben und erinnert mich an die Kinder aus Kleinstädten, die ihre Mütter nur zum Einkauf in die Stadt begleiten, weil sie dann so oft Rolltreppe fahren können.

Wieder oben angekommen, schnüffelt der Hund an einem metallenen Abfalleimer, setzt seine Duftmarke und geht seines Weges. Ich schaue ihm nach. Es ist die Rolltreppe des Hundes, denke ich, nachdem ich die Treppen daneben hinaufgestiegen bin.

Wir meinen die Tiere, die einst unsere Vorbilder waren, weit zurückgelassen zu haben. Doch halten wir in unserem Tempo inne und blicken uns um, so merken wir, daß sie uns folgen. Und die Hunde sind nur ihre Spione.

 

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Eine Antwort zu Alte Texte

  1. Graugans schreibt:

    Ein starker Text, dicht, wunderbar und ein wenig verstörend, berührt mich…und ja, ich glaube das auch, sie folgen uns!

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