Auszug: Der Rumäne

Der Dickgesichtige ist kein Ausländer, kein Russe und auch kein Rumäne. Zuerst dachte ich, es könnte sich um einen Chinesen handeln, aber sein Gesicht ist lediglich aufgeschwemmt.

Wer sind die anderen, die hier leben? Könnte es sich um meinen Entführer handeln, ist dies das Versteck meines Entführers, und ist der Dickgesichtige vielleicht sein Chef?

Ich werde ihm eine Falle stellen.

Wie kommen sie denn mit den Rumänen aus?

Rumänen? fragt er.

Rumänen, Menschen die aus Rumänien kommen, sage ich.

Ich kenne keinen Rumänen sagt der Dickgesichtige. Ich und die anderen, wir kennen keinen Rumänen.

Aha! Warum leben sie denn hier unten, haben sie gegen ein Gesetz verstoßen, dass sie das Tageslicht fürchten, müssen sie fürchten, erkannt zu werden?

Der Dickgesichtigte sieht mich fragend an.

Warum leben sie hier, wiederhole ich.

Es ist bequem sagt der Dickgesichtige.

Bequem?, frage ich.

Ja bequem. Hier unten herrscht die ganze Zeit eine relativ gleichbleibende Temperatur. Das Wetter ändert sich nicht und wir sind vor der Missgunst der Menschen geschützt. Niemand beneidet uns um unser Leben, kaum jemand kennt es.

Schroth, sage ich.

Schroth? fragt der Dickgesichtige.

Ja ,Schroth kennt ihr Leben. Seit einigen Tagen verfolge ich ihn in der Pause, er kommt immer in das Haus in dem der Eingang zu diesem Keller ist. Schroth hat mich gewissermaßen hierher geführt.

Ich weiß nicht, wer Schroth ist, sagt der Dickgesichtige, vielleicht habe ich ihn hier unten schon gesehen, aber ich kenne seinen Namen nicht. Wir sprechen uns aber hier auch nicht mit Namen an.

Wie sprechen sie sich an?, frage ich. Nach körperlichen Eigenschaften, sagt er, mich zum Beispiel nennen die anderen den Dickgesichtigen.

Schroth könnte der Große heißen, denn Schroth ist groß, denke ich.G ibt es unter ihnen

einen, den sie den Großen nennen?  Nein, antwortet der Dickgesichtige.

Ich werde Schroth genau betrachten, denke ich, vielleicht finde ich heraus, wie man ihn nennt.

Wie lang sind sie schon hier unten? frage ich.

Wie lang?  der Dickgesichtige scheint die Frage nicht zu verstehen.

Wie lang leben sie schon hier, Wochen Monate, Jahre?

Wir messen die Zeit nicht in Stunden, Tagen usw, sagt der Dickgesichtige. Hier unten gibt es keine Sonne und die Lampen sind immer eingeschaltet. Das ist, so könnte man sagen, eine noble Geste der Stadtverwaltung.

Aber, frage ich, wie messen sie die Zeit? Wir könnten, sagt er, die Wassertropfen zählen,die von den Stahlrohren fallen. Es hat eine gewisse Regelmäßigkeit. Wir könnten die Zeit in Zehntropfenintervalle segmentieren, sagter. Die Vorstellung, man messe die Zeit in Tropfendekaden beunruhigt mich. Und tun sie das? frage ich. Nein, antwortete der Dickgesichtige. Wir müssen, sagt er, die Zeit nicht messen:

Was aber tun sie hier?

Ich sitze meist auf dieser Kiste und denke.

Sie denken? Ja, zum Beispiel denke ich darüber nach, wie man ohne Uhr und Sonne die Zeit messen könnte wenn man es bräuchte. Aber das ist nur ein Beispiel, es gibt viele Dinge mit denen man sich beschäftigen kann.

Wer man ist und wie man heißt, und ob die Stadtverwaltung von ihnen weiß, sage ich.

Ach was. Vor einer Weile habe ich versucht, mir vorzustellen, es gäbe keine Schwerkraft, sagt derDickgesichtige. Dann würden wir fliegen, sage ich. Das war auch mein erster Gedanke, sagt er, aber er ist oberflächlich. Wie hätten sich unsere Gliedmaßen entwickelt, und wären wir nicht eher rund dann, statt langgezogen, vielleicht diente uns auch unter solchen Bedingungen die Nase zum riechen und steuern und nicht die Beine zum tasten und gehen. Fragen über Fragen, man findet kein Ende. Wir könnten die Zeit messen in der Dauer der Beantwortung von Fragen.

Warum und von wem bin ich entführt worden?

Bitte?

Warum und von wem bin ich entführt worden? Ich artikuliere prägnanter jetzt und spreche lauter.

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7 Antworten zu Auszug: Der Rumäne

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    Das gefällt mir sehr gut. Ist das von Dir? Ein abgeschlossenes Projekt? Roman? Erzählung? Kurzgeschichte? Noch in Arbeit? Ich würde gern mehr davon lesen.

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    kommt nächsten herbst. ich hab gerade einen vertrag unterschrieben.

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