Nonresponder

Sibirische Hamster

Wesen gibt es, von denen man nicht begreift, wie sie dazu kommen, auf zwei Beinen zu gehen, so wenig das auch sagen will. Arthur Schopenhauer

In jeder Gesellschaft versammeln sich an den Rändern die Käuze, Menschen deren Gedanken und Handlungen nicht gerade jener Geradlinigkeit folgen, die den Durchschnitt ausmachen. Sie schmieden geheime Pläne, reden unverständliches Zeug und basteln Dinge, deren Gebrauchswert sich niemandem als ihnen selber erschließt.

Findige Unternehmen stellen die Käuze hin und wieder als eine Art Querdenker ein. Auch die Chefs hoffen, daß sich hinter den Bärten, hinter den dicken Hornbrillen oder der merkwürdigen Kleidung irgendein geheimes Wissen verbirgt. So lange das Geschäft gut läuft, kritzeln die Käuze in kleinen Büros Skizzen aufs Papier, für die sich keiner interressiert. Manchmal kommt der Chef vorbei. Er hat gerade ein viertel Stündchen Zeit und es amüsiert ihn, sich über die verrückten Theorien zu unterhalten, die sein Angestellter mit einem Bleistiftstummel aufs Papier kritzelt. Der Kauz scheint dem Chef keinerlei Respekt entgegenzubringen. Er schiebt ihn beiseite, weil in einem Erlenmeyerkolben in der hintersten Ecke des Zimmers etwas zu brodeln beginnt. Und der Chef läßt es gelassen über sich ergehen. Es ist zwar kein Chemieunternehmen, das er führt, aber wer weiß wozu das das grüne Blubberzeug noch einmal nützen könnte, vielleicht revolutioniert es ja die Raumfahrt, und man ist schließlich im Fahrzeugbau tätig.

Kommt nämlich die Krise, haben die Käuze manchmal die entscheidende Idee, die das Unternehmen in neues und besseres Fahrwasser lenkt.

Ähnliche Phänomene lassen sich in der Tierwelt beobachten. Ich war einmal in Köln beim Zookongress. Das war eine Veranstaltung, auf der verschiedenste junge Leute über ihre Interessen berichteten. Es gab Musik und jede Menge zu trinken. Einer der Teilnehmer, ein Evolutionsbiologe, interessierte sich besonders für den sibirischen Zwerghamster und erzählte über dessen aufregendes Leben in der Taiga.

Sibirische Zwerghamster sind nicht weiter auffällig, knabbern ihre Körner und Wurzeln und werden, wenn sie nicht aufpassen, von Bussarden, Habichten und anderem Raubgeflügel verspeist.

Wenn es Winter wird, wächst dem sibirischen Zwerghamster ein dichtes Fell über die angefressene Speckschicht, er wird schläfrig, sein Sexualtrieb kommt zum Erliegen, und bald zieht er sich in eine warme Höhle zurück und verschläft die kalte Jahreszeit.

Einige Hamster jedoch verhalten sich anders, sie behalten ihr Sommerfell, achten auf die schlanke Linie, verweigern den Schlaf, und die kalte Winterluft scheint auf sie geradezu wie ein Aphrodisiakum zu wirken. Treffen sie im eisigen Winter auf Artgenossen, des anderen Geschlechts ist der Schnee nur noch weich und nicht mehr kalt, und sie beginnen froh ihr Liebesspiel.

Diese Exemplare werden von der Forschung Nonresponder genannt. Leider müssen sie im kalten Januar verenden.

Der harte Winter dezimiert aber auch die Feinde des Zwerghamsters, die ja nur wenig Futter finden, nur die paar Nonresponder, und auch höllisch frieren. So hat, möchte man meinen, alles seine Richtigkeit, und im Frühjahr, wenn die normalen Zwerghamster aus ihren Höhlen kriechen, geht der Kampf ums Überleben wieder los.

Alle paar Jahre ist jedoch ein Winter weniger hart, die Feinde des Hamsters kommen gut durch und würden auf den Bäumen in nie dagewesener Zahl auf die aufwachenden Hamster warten und die Gattung gehörig dezimieren. Wären da nicht die Nonresponder. Die haben nämlich den milden Winter ebenfalls überlebt und, anstatt zu schlafen, freudig Nachwuchs gezeugt. In darauf folgenden Frühjahr tummeln sich ihre Nachkommen auf den Wiesen und sind längst am Futtern, wenn die anderen aus ihren Schlafhöhlen gekrochen kommen. Die Raubvögel freut das auch.

So entsteht kein Einbruch in der Population und die Feinde des sibirischen Zwerghamsters werden trotzdem satt. Die scheinbar abartigen Tiere retten ihrer Art den Fortbestand.

Ich glaube, als Noah mitten auf dem trockenen Land die Arche baute, haben seine Nachbarn gelacht. „Mach lieber was Vernünftiges!“ müssen sie ihm zugerufen. Aber Noah hat unbeirrt Bäume gefällt und zu einem schönen Schiff zusammengezimmert. Wer weiß, vielleicht gäbe es ohne ihn heute keine sibirischen Zwerghamster´.

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