Natur in Adornos Ästhetischer Theorie

Natur

„Die Anamnesis der Freiheit im Naturschönen führt irre, weil sie Freiheit im älteren Unfreien sich erhofft“1

Fast unauflöslich scheint das Dilemma, daß einzig das souverän agierende Subjekt zur Durchdringung fähig ist und andererseits die gesellschaftliche Struktur Souveränität unmöglich macht. Die Anstrengung des Gedankens wird zum Gewaltakt. Das Subjekt muß an sich noch einmal vollziehen, was die Gesellschaft an ihm schon vollzogen hat. Dies scheuend, beruft es sich auf scheinbar Vertrautes.

Dem naiven Bewußtsein gilt Natur als Gegenpart zur universell vermittelten Gesellschaft. Ihm entgeht dabei, wie sehr Natur gesellschaftlich vermittelt ist. Die Erfahrung unberührter Natur kann nur noch gelingen durch Konstruktion einer Aussicht in abgelegenen Teilen der Welt. Doch auch dort ist der Himmel längst zu einem „Luftraum“ geworden, gemustert mit den Kondensstreifen der Düsenjäger. Die vormals unendliche erscheint nur noch im Segment, sie ist gesellschaftliches Produkt. Aber als solches ist sie zuallererst wahrnehmbar. Unter dem Eindruck des Naturzwanges, des beherrschenden Charakters der Natur über den Menschen erschien sie sicher nicht als Objekt der Erbauung. Auch die Beobachtung des Astronauten, daß die Erde zwar schön und doch so verletzlich sei, ergibt sich letztlich aus den entwickelten destruktiven Kräften der Gesellschaft. Einer versöhnten Menschheit wäre dieser Gedanke fremd.

„Leicht jedoch täuscht der zivilisatorische Fortschritt die Menschen darüber, wie ungeschützt sie stets noch sind. Das Glück an der Natur war verflochten mit der Konzeption des Subjekts als eines Fürsichsseienden und virtuell in sich Unendlichen; so projiziert es sich auf die Natur und fühlt als Abgespaltenes ihr sich nahe; seine Ohnmacht in der zur zweiten Natur versteinerten Gesellschaft wird zum Motor der Flucht in die vermeintlich erste.“2

Geschichte hat sich eingegraben in das, was als Natur gilt. Nicht zu halten ist die Unterscheidung zwischen Natur- und Kulturlandschaft, zumal erstere angewiesen ist auf das schützende Eingreifen des Menschen. Kulturlandschaften nähern sich in der Erscheinung den Kunstwerken an. In der Bearbeitung speichern sie Erfahrungen vergangener Generationen. An ihnen wird das Leid ersichtlich, das den arbeitenden Individuen widerfuhr.

„Die Figur des Beschränkten beglückt, weil der Zwang der Beschränkenden nicht vergessen werden darf; seine Bilder sind Memento. Beseelt klagt aus der Kulturlandschaft, die dort bereits der Ruine ähnelt, wo die Häuser noch stehen, was seitdem zur klaglosen Klage verstummte.“3

An einigen Kulturlandschaften haftet noch etwas, was sie der Vermarktung in der Fremdenverkehrsindustrie entzieht. Die Touristen, zur ästhetischen Naturerfahrung kaum fähig, strömen in Scharen an die sanktionierten Orte, um dem Naturschauspiel beizuwohnen, das sie aus dem Fernsehen kennen. Ihr Blick lastet eher auf gigantischen Felsen, als auf den Dokumenten jahrtausendelanger Arbeit. Hier geht es vielmehr um das Vergessen des gegenwärtigen Leides, das auf den Einzelnen lastet, als um die Innewerdung des Vergangenen. Die Tendenz der Kulturindustrie setzt sich in der Form des Fremdenverkehrs fort. Versprochen wird ein Erlebnis ursprünglicher Landschaft. Diesem stellt man sich dann Kollektiv durch die Fenster eines Buses oder, über die Köpfe anderer hinweg, auf dem Gedränge eines Aussichtspunktes.

„Der Widerstand des Subjekts gegen die empirische Realität im autonomen Werk ist auch einer gegen die unmittelbar erscheinende Natur.“4

Kunst und Natur nähern sich nicht dadurch an, daß Kunst Natur nachbildet. Durch Nachbildung würde Kunst die Ideologie transportieren, die sich hinter dem Schein der Unmittelbarkeit vermittelter Naturerfahrung verbirgt. Natur würde Stoff und als Stoff im Kunstwerk zu ihrem anderen. Das Leid wird nicht beredt durch Suggestion des Unbeschädigten und nicht durch die einfache Abbildung der Wunden wie auf GREEN PEACE-Plakaten. Solche Nachbildung redet der Verteufelung der Technik das Wort, verlangt, daß der Mensch aus der Natur verschwinde. Nur Kameramänner wären zugelassen, um den Eindruck in die Wohnzimmer zu senden und in Talkshows den Verlust ihrer Arbeitsstätte als Tierfilmer zu beklagen. Landschaftsaufnahmen werden zur Werbung für Erlebnisparks. Letztlich würde das Bild der Natur Natur selbst ersetzen.

„Das Bild von Natur überlebt, weil seine vollkommene Negation im Artefakt, welche dies Bild errettet, notwendig gegen das sich verblendet, was jenseits der bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Arbeit und ihrer Waren wäre. Das Naturschöne bleibt Allegorie dieses Jenseitigen, trotz seiner Vermittlung durch die gesellschaftliche Immanenz.“5

Natur wurde in der Theorie aus der Gesellschaft herausgeschlagen, um gesellschaftliche Unterdrückung zu legitimieren. Die Ströme der Staunenden versuchen den Weg dieser Ideologie zu folgen, indem sie sich scheinbar aus der Gesellschaft in die Natur begeben. Als anderes der Gesellschaft ist diese Natur an diese Gesellschaft gekoppelt. Gesellschaftliches Verhältnis verdinglicht sich in der Gestalt der Technik. An sie geht die Schuldzuweisung. Doch gräbt sich die Verwundung der Natur ebenso in die Körper der Menschen. Die Verschmutzung der Gewässer korrespondiert dem Bandscheibenschaden des Bandarbeiters. Beiden versucht er in Touristische Fernen zu entfliehen wie in die Hollywoodproduktionen.

Durch die Vermittlung im Kunstwerk hindurch erhält das Unmittelbare, das Nichtidentische Ausdruck. Darin erscheint die Möglichkeit der Rettung von Natur.

Die enorme Anstrengung in den Bewegungen beim Tanz zeigt aber, was für einen Körper möglich wäre, so er in seiner Körperlichkeit frei wäre. Die Verwunderung und das Staunen entspringt eben jener Differenz der eingeprägten Arbeit unter dem Bann der Selbsterhaltung, und der Möglichkeiten freier Betätigung.6

„Technik, die nach einem letztlich der bürgerlichen Sexualmoral entlehnten Schema, Natur soll geschändet haben, wäre unter veränderten Produktionsverhältnissen ebenso fähig, ihr beizustehen und auf der armen Erde ihr zu dem zu helfen, wohin sie vielleicht möchte.“7

Diese Aussicht auf eine mögliche Versöhnung des Menschen mit der Natur ist nicht zu verstehen, wenn Technik lediglich in ihrer verdinglichten Form gefaßt wird. Technik, gedacht als gesellschaftliches Vermögen des Menschen, fruchtbar gemacht für den Menschen selbst und nicht zur Realisation von Zwecken, die einem gesellschaftlichen Zwangszusammenhang, den Gesetzen des Kapitals, entspringen, würde, indem sie dem Einzelnen zugute kommt, einem Verhältnis zu einer Natur entsprechen, die nicht mehr als ein Anderes der Gesellschaft gedacht ist, sondern als gesellschaftliches Moment selbst. Sie würde dann weder zum Fluchtpunkt noch zum Legitimationsmittel von Herrschaft taugen, wie in neuerer Zeit, da Soziologie von der Biologie und insbesondere der Genforschung abgelöst wird, die gesellschaftliche Verhältnisse als genetisch bedingte erklären will, welche sich nicht gesellschaftlich reproduzieren, sondern natürlich vererbt werden. So tritt fortschreitende Technik im Sinne einer Herrschaft auf, die heute nicht mehr die Köpfe vermißt, sondern mit den Mitteln moderner Technik ‚Erbanlagen analysiert‘ und somit eine Tradition aufgreift, die in gewissen Punkten der nationalsozialistischen Massenvernichtung zuarbeitete. Daß dies Vergessen wurde, zeigt die krampfhafte Suche nach biogenetischer Erklärung sozialer Verhältnisse. Medizinische Forschung, die Möglichkeiten entwickelt, Menschen zu helfen, legt so immer auch die Grundlagen zur Legitimation von Vernichtung. Kunst erhält die Erinnerung an die Leiden derer, die dieser Vernichtung anheim fielen und so auch die Möglichkeit der Versöhnung, deren Basis die Unmöglichkeit des Januskopfes wäre, der die Gesichter von Mengele und Albert Schweitzer trägt.

1Ästhetische Theorie, S. 104

2Ästhetische Theorie, S. 103

3Ästhetische Theorie, S. 102

4Ästhetische Theorie, S. 104

5Ästhetische Theorie, S. 108

6Die portugiesische Tänzerin und Choreographin Vera Mantero äußert sich zu dieser Erfahrung in einem Interview:

„Die Existenz von Tanz ist fast eine Unmöglichkeit. Das habe ich erfahren und ich kann es auch nicht ändern. Aber ich hoffe noch immer, daß ich eines Tages eine andere Erfahrung machen werde. Für die gegenwärtige Zeit ist es aber so, wie es ist. Je mehr man tanzt, umso mehr sieht man, daß es unmöglich ist zu tanzen. Das ist eine gute Sache, denn je mehr man daran glaubt, daß es trotzdem möglich ist, zu tanzen, umso unmöglicher ist der Tanz den man kreiert.“ (Zitiert nach dem Programm des Mousonturm, Frankfurt, April 1994) Die von Mantero formulierte Erfahrung bringt die Antinomie moderner Kunst zum Ausdruck, daß diese sich den Materialen der Realität bedienend, etwas ihr anderes schaffen will..

Von dieser Erfahrung war ihre Choreographie „Sob“ zutiefst durchdrungen. Die schmerzhafte Erfahrung der Grenzen körperlicher Bewegung fand im Abtasten dieser Grenzen eindringlich Ausdruck, wie die Beschränktheit des Isolierten, bzw zur Gleichförmigkeit getrimmten Individuums in seiner Konsequenz darauf verwies, was möglich wäre, wenn Individuen sich in Gemeinschaft frei entwickelten. Die Dynamik des Gleichförmigen wirkt bedrohlich, birgt jedoch eine ungeheure Kraft, eine abgestimmte und doch nicht erzwungene Gemeinschaftlichkeit ist jedoch zu Figuren fähig, die die Einbildungskraft des Einzelnen weit übersteigen und die Kräfte der gemeinsamen Aktion der Einförmigkeit potenziert. Im Tanz wird das ersichtlich.

7Ästhetische Theorie, S. 107

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