Flucht

Flucht
Was nun die Erinnerung anlangt, so ist sie keine so einfache Sache und bietet schon verschiedene Gegenstänlichkeitsformen und Gegebenheitsformen ineinader verflochten. Edmund Husserl
Ein Gott braucht kein Erinnerungsvermögen, denn was er denkt, geschieht im Augenblick, da er es denkt, und würde er an Vergangenes Denken, wäre es zugleich Gegenwart.
Um meiner Vergangenheit auf die Schliche zu kommen, bin ich außer auf meine Erinnerungen, auch auf Berichte anderer angewiesen und auf Dokumente wie Fotografien und die alten Super-8-Filme meines Vaters. Oft merke ich dann, dass die Situationen auf den Fotos und Filmen in meiner Erinnerung fehlen, oder dass ich sie ganz anders im Kopf habe, und ich versuche die Bilder mit mir in Einklang zu bringen.
Ein kleiner Junge von ungefähr zwei Jahren sitzt auf Schiefersteinplatten und spielt mit einer Plastiktasse. Obwohl das Foto schwarz-weiß ist, scheint es mir eine rote Tasse zu sein. Der Junge spielt in einem Garten am Chemnitzer Küchwaldring. Das kann man auf dem Foto natürlich nicht erkennen, aber ich weiß es. Meine Mutter hat es mir gesagt, und der kleine Junge auf dem Foto bin ich. Daneben liegt ein Bild, auf dem ein Soldat zu sehen ist. Er sieht traurig aus, scheint aber stolz wirken zu wollen. Die Krawatte, die zur Uniform gehört, sitzt tadellos. Unterm Arm trägt er irgendein Buch, und er hält einen Strauß Blumen in der Hand. Wahrscheinlich hat er beides nach der Vereidigung überreicht bekommen. Auch das bin ich.
Die Fotos, die vor mir auf dem Tisch liegen, zeigen Zeiten und Momente, die ich einmal erlebt haben muss. Sie sind mir beim Aufräumen in die Hände gefallen. Und die Bilder sind untrügliche Beweise für ein Leben, das gelebt wurde. Für mein Leben. Wenn man meinen Namen unbeachtet läßt, scheint es zwischen dem Jungen und den Soldaten keine Gemeinsamkeit zu geben. Da ist zwar bei beiden ein Leberfleck links am Kinn. Aber das kann Zufall sein. Und die Haarfarbe eines Menschen ändert sich auch mit den Jahreszeiten und über die Jahre. „Der Junge mit der Tasse ist jetzt Soldat“, könnte man sagen, um eine Beziehung zwischen den Personen herzustellen. Während ich diesen Satz denke, stelle ich mir vor, wie das Kind in der Soldatenuniform steckt. Die Jacke ist viel zu groß und irgendwo im Ärmel ist die rote Plastiktasse verschwunden.
Ich habe beide Fotos beim Aufräumen in meinem Schrank gefunden: das ist ihre einzige Gemeinsamkeit momentan. Der Junge ist der Junge, und der Soldat ist Soldat. Soldat in einer Armee, die es auch schon nicht mehr gibt. Zwei Personen auf dem Tisch, zwei nebeneinander. Zwei Leben. Ich trage den Namen dieser beiden Personen, betrachte sie. Ich bin weder der Junge mit der Tasse noch der Mann in Uniform. Und doch bin ich es. Auch wenn ich wollte, könnte ich mir kein anderes Leben erfinden. Es ist Dokument geworden. Es gibt Zeugen und Akten. Und Fotos.
Ich begegne mir also auf Papier und in Schilderungen von Angehörigen. „Kannst du dich erinnern, wie du in Sopot vor den dicken Mauern der Burg gestanden und gestaunt hast?“ fragt mich meine Oma jedes Mal, wenn ich sie besuche. Ich kann es nicht. „Doch, doch.“ sagt meine Oma. „Du hast vor den dicken Mauern der Burg gestanden, und hast richtig gestaunt.“ Ich kann mich wirklich nicht erinnern, jemals in Sopot gewesen zu sein. Aber ich war da. Mit drei Jahren, meinen Eltern und den Eltern meines Vaters.
Mein Lebenslauf ist mir immer ein wenig der eines Fremden, den ich manchmal beneide, weil er schon in Sopot war, und manchmal bedauere, weil er in unsinnigen Situationen, als Soldat zum Beispiel mit irgendeinem Buch unter den Arm, Stolz zeigen wollte.

(aus Platon und die Spülmaschine)

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2 Antworten zu Flucht

  1. mikrotextverlag schreibt:

    Aber meinst du vielleicht die Marienburg (Malbork)? Ich wusste nicht, dass es in Sopot eine Burg gibt. Das würde aber nur deine These bestärken, dass du noch nie in Sopot warst – oder dich eben einfach nicht erinnerst. An alle Erlebnisse mit drei Jahren ist es aber auch schwierig, sich zu erinnern. Das geht sicherlich jedem so. Nur, wir haben nun Fotos, Dokumente, nicht nur die Erzählungen, das bestärkt dieses Phantomgefühl, das man von sich selbst bekommen kann. Das Ich als ein Fremder.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      meine großmutter sprach von sopot. vielleicht war sopot der urlaubsort, von dem aus wir einen ausflug zur marienburg machten, und der ganze urlaub wurde unter sopot abgeheftet, großmutter erzählte auch spreewaldanekdoten, in denen ich eine rolle spielte, von pralinen auf kleinen schiffchen die an der kahnspitze ausgesetzt zu ihr und mir trieben. auch daran erinnere ich mich nicht,

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