Anna Radlowa

Gerade holte ich das Buch Tatarinowa. Die Prophetin von St. Petersburg aus dem Briefkasten. Herausgegeben wurde es von Olga Martynova und Oleg Jurjew. Die Übersetzung besorgte Daniel Jurjew. Erschienen ist es im Weidle Verlag wie schon das Buch Die Manon Lescaut von Turdej, das 2012 erschien und sensationell aufgenommen wurde. Gleiches wünsche ich auch diesem Buch, das jetzt in meinen Händen liegt, und dessen Fahnen ich im Vorfeld zu lesen das Glück hatte. Allerdings steigert sich dieses Glück noch, wenn man endlich das fertige Buch in Händen hält. Es ist kein Wiedererkennen eines bekannten Textes, sondern das glückhafte Neuerkennen, denn auch hier handlt es sich um einen großartigen Text dessen deutsche Übersetzung nix zu wünschen übrig lässt. (Danke Daniel!)

Die Handlung dreht sich um eine religiöse Geheimsekte im Russland des neunzehnten Jahrhunderts. Aber es ist in dem Sinne kein historischer Roman. Um 1930 in einem recht sachlichen Stil verfasst lässt er Parallelen zu zur Zeit seiner Entstehung. Letztlich gegannen die Bolschewisten ihren politischen Aufstieg auch als politische Sekte, die sich die Mehrheitlichen nannten und diese Mehrheitlichkeit aus ihrer ideologischen Position und nicht aus den tatsächlichen Mehrheitsverhältnissen ableiteten.

Dennoch griffe es zu kurz, diesen Roman als Gleichnis zu bezeichnen. Es ist kein historischer Roman, der sich zum Zweck der Gegenwartserklärung eines Sujets bedient, und in diesem Sinne ist er auch nicht didaktisch. Er eröffnet in eben sachlichem Stil eine wahnhafte Welt, aber nicht im Sinne einer Diskreditierung. Die Autorin war involviert. Und das, gerade das macht die Lektüre atemberaubend spannend.

Oleg Jurjew schreibt im Nachwort:

Man kann annehmen, dass Radlowa Jekaterina Tatarinowa für die erste Verköperung der Elisabeth Akulina hielt und sich selbst für die zweite. Somit sah sie sich als die Gottesmutter der russischen Revolution und musste eine gigantische mystische und geschichtliche Last verspüren.

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