Gott

Die Wölbung des Firmaments

Es nützt nichts, sich Sicherheit vor den Menschen zu verschaffen, solange uns die Dinge, da droben, unter der Erde und überhaupt im unbegrenzten Raum unheimlich bleiben. Epikur
Wir leben in einer Art Zwischenzeit. Wir wissen zu viel, um auf archaische Vorstellungen zu vertrauen, aber wir wissen nicht genug, um uns überall mit einem Gefühl der Sicherheit bewegen zu können. Wissen nimmt dem Unverhofften den Schrecken, sagt man. Und ich habe in der Schule einiges gelernt, über Hoch- und Tiefdruckgebiete zum Beispiel und was geschieht, wenn die tektonischen Platten der Erdrinde aneinander reiben. Aber wenn ich heute weiß, wie und warum es zu Erdbeben kommt, würde ich mich trotzdem, kaum das der Boden zu vibrieren beginnt, in eine geschützte Ecke verkriechen, und ich hätte Angst wie ein Kind.
Meine Tochter, die mit ihren drei Jahren so mutig die Welt erkundet, weigert sich seit einiger Zeit bei Wind das Haus zu verlassen. „Der Wind ist böse.“ sagt sie. Sie hat Angst, weggeweht zu werden. Da hilft es auch nicht, dass ich ihr ein Lied vorsinge, in dem der Wind als lustiger Gesell vorkommt. Ihr gefällt das Lied, ich muss es noch einmal singen. Dann schaut sie aus dem Fenster und sieht, wie eine Plastiktüte vorbei fliegt. Sie meint, ihr könne dasselbe widerfahren. Kann ich sie dennoch überreden, mit mir spazieren zu gehen, hält sie fest meine Hand und rennt nicht wie sonst weit voraus. Trotz besseren Wissens, kann ich die Angst meiner Tochter verstehen, denn auch ich stehe manchmal in der Gegend herum und fürchte mich, obwohl ich weiß, dass mir eigentlich nichts passieren kann. Wahrscheinlich werden wir in dieser Hinsicht nie erwachsen.
Die Erde ist eine Kugel, sagt man zum Beispiel, und zum Beweis reicht man Bilder herum, die Astronauten gemacht haben, oder die Kamera einer unbemannten Raumsonde. Auf den Bildern sieht man eine mal mehr und mal weniger beleuchtete blau-weiße Kugel. So etwas hat wenig Bedeutung für mich, wenn ich durch die engen Gassen einer Kleinstadt in den Bergen laufe. Das Pflaster, auf dem ich mich befinde, wird gesäumt von putzigen Natursteinhäusern und endet hinter der nächsten Kurve. Ich könnte dann denken, dass die Oberfläche der Kugel recht zerfurcht sei, wenn mein Blick auf dem schneebedeckten Grat einer Bergkette hängenbleibt. Vielmehr aber denke ich an Geröllawinen und Muränen, die die Häuser am Hang unter sich begraben können, und von denen ich Berichte im Fernsehen gesehen habe.
Sonderlich beruhigend ist das Wissen um die Kugelform unseres Heimatplaneten auch dann nicht, wenn ich durch einen kilometerlangen Tunnel zum nächsten Bergdorf fahre. Die Steine werden mir, wenn die Tunneldecke einstürzt, einfach auf den Kopf fallen. Kugel hin oder her. Solch eine Angst verspüre ich oft in den Bergen, und kein Wissen kann sie mir aus der Welt schaffen. Also verlasse ich die Berge und fahre ans Meer. In einer flachen Landschaft, will ich mich von den Gefahren der Berge erholen. Dann stehe ich in der Nähe von Den Haag am Strand. Wahrscheinlich bin ich zu weit gefahren, denn es ist zu früh im Jahr und überhaupt kein Badewetter. Auch hier spüre ich nicht, was ich doch weiß. Die Erde ist rund. Mir kommt sie immer noch wie eine Scheibe vor. Der Wind peitscht die Wellen, und ihre Schaumkronen verdecken mir manchmal die Sicht auf ein Schiff, das am Horizont kreuzt. Plötzlich ist es verschwunden.
Die Erde ist eine Kugel. Auch am Meer bleibt dieses Wissen theoretisch. Ich bin ja noch nicht um die ganze Welt gesegelt. Doch selbst dann würde ich der Kugel nicht gewahr. Wahrscheinlich würde es mich sogar wundern, plötzlich am Ausgangspunkt wieder anzukommen, bin ich doch immer nur gerade aus gefahren. Kugel, sagt dann mein Wissen. Ach so ja genau. Das ist der Beweis. In einem Raumschiff habe ich noch nicht gesessen. Sie sei so schön, die Erde, und wirke zugleich so verletzlich, soll ein Astronaut angesichts des Blauen Planeten ausgerufen haben. Ich muss es ihm glauben.
Natürlich weiß ich, dass das Schiff nicht am hinterm Horizont von der Erdscheibe fiel. Aber ich habe auch nicht gesehen, ob es vielleicht untergegangen ist.
Wenn ich über das Meer schaue, sind mir die Ängste aus grauer Vorzeit näher, in der die Vorstellung herrschte, dass die Erde eine Scheibe sei, von der man herunterfalle, wenn man sich zu weit aufs Wasser hinauswagt. Ich kann die Menschen verstehen, die zu ihrer Beruhigung annahmen, dass das Firmament sich über die Erdscheibe wölbe wie eine Käseglocke. Sie wussten noch nichts von Sauerstoff und Stickstoff, Ozon und Kohlendioxid und hatten deshalb auch keine Angst, dass ihnen unter der Glocke die Luft ausgehen könnte, nur dass sie einstürzen könnte, und der Himmel ihnen auf den Kopf fällt. Den Einsturz des Himmelsgewölbes konnte nur ein Gott zu Wege bringen. Deshalb galt es, die Himmelsbewohner freundlich zu stimmen.
Ich sehe den Himmel und die Wolken, die schnell vorbeitreiben. Mir wird kalt. Also wende ich mich um und laufe durch die Dünen, bis ich an eine gelange, die wie ein Trichter ausgebaut ist. Durch einen kleinen Tunnel komme ich hinein. Im Inneren stehen zwei Betonteile, die wie alte römische Ruheplätze aussehen. Eine kleine Tafel an der Seite beschreibt die richtige Stellung, die man darauf einnehmen sollte. Das Objekt in der Düne heißt Kijkduin und ist das Werk des amerikanischen Künstlers James Turrell. Ich lege mich also auf eine der Bänke, für den Hals gibt es extra eine kleine Vertiefung, und lasse den Kopf ein wenig herunterhängen, bis er auf einem steinernen Kissen liegt. Ich wusste bislang nicht, dass Beton so bequem sein kann. Mein Blick liegt auf den Rändern des Trichters, und wie eine Käseglocke wölbt sich das Firmament. Alles ist Kugel und alles ist begrenzt, und dieser schreckliche Wind findet anderswo statt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s