aufräumen

hab beim sortieren n altes manuskript gefunden. zum glück auf cd-rom und nicht auf diskette
Die Sonne im Norden

Natur wird dadurch, daß der gesellschaftliche Herrschaftsmechanismus sie als heilsamen Gegensatz zur Gesellschaft erfaßt, in die unheilbare gerade hineingezogen und verschachert. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer
Die Stadt ist der Raum, der ganz der Zivilisation zu gehören scheint. Wir Menschen leisten uns hier eher kleine und kuriose Scharmützel mit der Natur, nicht zu vergleichen mit leck geschlagenen Öltankern vor den Galapagosinseln oder abgeholzten Regenwäldern. Den Stadtraum haben wir besetzt, und als Zeichen des Sieges gelten uns kunstvoll beschnittene Hecken oder eingestrickte Pudel. Die Hunde verkacken uns aus Rache die Bürgersteige und hinterlassen vollkommen nutzlose Wegmarken an Trafokästen und Siegessäulen.
Die Natur operiert im Stadtraum wie ein Partisan. Die Schneisen aber, durch die sie unverhofft eindringt, hat der Mensch ihr selbst geschlagen. In England zum Beispiel imitiert eine bestimmte Drosselart verschiedene Klingelzeichen von Mobiltelefonen und versetzt so arglose Anwohner in Unruhe.
Auch ein Freund von mir hatte einmal ein Erlebnis, bei dem sich die Natur unversehens in Erinnerung brachte.
Tassilo kam im Frühjahr 1990 nach Frankfurt am Main und brauchte eine Wohnung. Seine Bücher und ein paar größere Möbel hatte er bei seiner Mutter in Chemnitz untergestellt und nur mitgenommen, was er unbedingt brauchte: soviel Klamotten, wie in einen Rucksack paßten und dazu eine zerlesene Taschenausgabe der „Dialektik der Aufklärung“. Die Autoren dieser Schrift hatten in den Zwanzigern mit einigen anderen Wissenschaftlern das Frankfurter Institut für Sozialforschung gegründet, aus dem die Frankfurter Schule hervorging. Nach der Rückkehr aus dem Exil hatten sie bis zu ihrem Tod wieder in Frankfurt gelehrt, und Tassilo hoffte, dort noch Reste ihres Wirkens zu finden.
Die „Dialektik der Aufklärung“ ist ein trauriges Buch. Es beschreibt die Kulturgeschichte der Menschheit von ihrem vermeintlichen Ende her, der Zeit des Nationalsozialismus. Der Mensch vergaß und verdrängte, während er versuchte, die Natur zu beherrschen, daß er selbst Teil der Natur ist und verstrickte sich in Herrschaft und Unterwerfung.
Da es in Frankfurt sehr schwer ist, eine Wohnung zu finden, wohnte Tassilo im erten Jahr bei verschiedenen Freunden und Bekannten, die im Urlaub waren oder aus einem anderen Grund für eine gewisse Zeit außerhalb der Stadt weilten. Diese Art Vagabundismus ließ ihn fast die gesamte Stadt kennenlernen, indem er die einzelnen Viertel durchwohnte.
Für drei Wochen lebte Tassilo in einer Wohnung im Frankfurter Westend, einem nobleren Stadtteil, das sich westlich der Mainzer Landstraße ausbreitet und bis zur Universität reicht. Am Rande dieses Viertels befindet sich auch das Gebäude des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. An der Mainzer Landstraße hatten die Banken ihre Domizile errichtet, in Hochhäusern, wie man sie sonst nur aus Amerika kennt.
Die Wohnung, die Tassilo sich ausgeliehen hatte, war ein winziges Einraumappartement in einem Neubau, der zwischen kleine Gründerzeithäuser und Villen geklemmt war. Als er die Wohnung zum ersten Mal besichtigen wollte, lief er mehrmals am Haus vorbei, ohne es zu bemerken.
Nach einiger Zeit des Suchens stand er endlich in der Wohnung. Der Hauptmieter hatte seine Sachen schon gepackt; er drückte Tassilo den Schlüssel zum Appartement in die Hand und verschwand aus der Tür, um Urlaub zu machen, drei Wochen Griechenland, Inselspringen in der prallen Sonne. Es war Ende Juni. Tassilo schaute zum Nordfenster, dem einzigen in der kleinen Wohnung, und dachte, daß er das Haus würde verlassen müssen, um die Sonne zu sehen.
Was ihn verwunderte, waren die Jalousien am Fenster. Warum braucht ein Nordfenster Jalousien, wenn es kein unmittelbar gegenüberliegendes Haus gibt, und das gab es nicht, sondern nur Garagen und einen flachen Supermarkt. Niemand hätte ins Fenster schauen können. Nachdem der Freund weg war, las Tassilo noch ein wenig in der „Dialektik der Aufklärung“. Er trank einige Glas Rotwein, und da seine Konzentration nachließ, ging er ins Bett. Natürlich ohne die Jalousie herunterzulassen.
Es war so gegen fünf Uhr morgens, als er von einem hellen Lichtstrahl geweckt wurde. Erst dachte er, der Luftraum würde abgeleuchtet, wie es seit einiger Zeit Mode war. Vor allem an Einkaufszentren und Möbelhäusern im Osten stießen des nachts manchmal große Scheinwerfer ihre Lichtkegel in den Himmel. Tassilo drehte sich um und versuchte wieder einzuschlafen. Doch das Licht leuchtete das ganze Zimmer aus, um fünf Uhr morgens. Eine Frechheit. Um zu sehen, was eigentlich los war, stand Tassilo auf und ging zum Fenster. Die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht. Aber es ist doch ein Nordfenster, dachte Tassilo.
Weit hinter dem Lebensmittelmarkt stand eines der Frankfurter Bankgebäude. Auf seiner silbrigen Glasfassade hatte sich das Sonnenlicht gefangen und strahlte direkt in das Zimmer. Tassilo ließ die Jalousie herunter und fragte sich, ob es rechtens sei, wenn die Sonne in ein Nordfenster scheint, ob der Architekt des Hochhauses sich diesen Effekt wohl gewünscht hatte und ob die Bank damit andeuten wollte, daß sie gegebenenfalls auch die Naturgesetze aushebeln könnte. Vielleicht war es aber auch wieder so etwas wie ein irrer Trick der Natur, sich ins rechte Licht zu rücken. Etwas verwirrt schloss Tassilo die Jalousien.

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