Zentraldichter Dodo

Bossongs Artikel ist jetzt online. Mir wäre es lieber, er wäre es nicht. Das hätte mir einen Ärger am Sonntag Morgen erspart.

Erst dachte ich, er wäre einfach zu ignorieren, dann baute sich aber eben jener Ärger im Gehirn des ungewaschnen Dichters auf. Und ein Zorn, der nicht so einfach abzulegen war.

Was macht der Artikel? Er schiebt Kollegen, die sich der Möglichkeiten bedienen, die ihnen zur Verfügung stehen, sich öffentlich zu äussern, in die Schmollecke. Gleichzeitig aber forciert er den Gedanken, der hinter der Entschleunigungsideologie steckt.

„Wenn professionelle Leser nicht vermögen, was jeder Schüler mit Goethes Heideröslein gelernt haben sollte, zeigt sich darin das eigentlich Verheerende. Denn wie soll sprachlich auf „extrem politische Zeiten“ reagiert werden, wenn beim Rezipienten der Umgang mit Sprache durch Beschleunigung, Informationsflut und Aufmerksamkeitsheischerei kontinuierlich verflacht? Dass sich Lyrik, ob konventionell oder experimentell, dieser Entsensibilisierung widersetzt, zeigt auch ihre politische Dimension. Nur wie weit ist es her mit dem kritischen Potenzial von Sprachirritation, wenn sie kaum jemanden mehr erreicht? Was ist eine Avantgarde, die zwar noch als ästhetische Vorhut neues Terrain erkundet, doch keine Truppe mehr hinter sich hat? “

Hinter dieser Formulierung steckt ein extrem konservatives Weltbild, das in allem eine Verflachung sieht, und natürlich eine Entsensibilisierung.

Aufmerksamkeitsheischerei. Eine Wortschöpfung, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Klar wir könnten ja alle für die Zeit schreiben, dann hätten wir das nicht nötig. Und wir bekämen es dann auch noch bezahlt. Oder etwa nicht?

Bossong schiebt uns, und ich identifiziere mich jetzt mal mit Scho, Genschel und Breyger, in die Ecke eingeschnappter Leserbriefschreiber.

Was ist also die Truppe, die die Lyriker hinter sich versammeln sollen, um als Avantgarde wirksam zu sein? Wie überhaupt benutzt Bossong hier einen (zugegeben) schwierigen Begriff. Wenn es soetwas wie künstlerische Avantgarde gibt (gegeben hat), dann ist sie doch nicht zu vergleichen mit den selbsternannten politischen Avantgarden, die jeweils bestimmte Bevölkerungsgruppen in eine lichte Zukunft führen wollten, und die immer im Totalitarismus endeten.  Sie, die politischen Avantgarden, forderten natürlich von ihren Anhängern Massenwirksamkeit ein. Und unterschwellig fordert das Bossong von der Lyrik.

Was wären die Organe? Die Welt? Die Zeit?

Auch wenn die künstlerische Avantgarde oft die Nähe zur politischen suchte, war und ist ihre Tätigkeit doch von einer anderen Suche geprägt, der Suche nach neuen künstlerischen Wegen und Formen, was ihrer Massenwirksamkeit naturgemäß entgegensteht. (Deshalb ist sie im übrigen wie jede Forschung auf Subventionen, welcher Art auch immer, angewiesen.)

Und: Klar hat der eine oder andere unter seiner Isolation gelitten, einige aber haben auch sehr viel Spass am Rande der Gesellschaft.

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Eine Antwort zu Zentraldichter Dodo

  1. DownwRighter schreibt:

    Treffgenau haben Sie auf den Punkt gebracht, wie hinter dem Meinungstotem der Autorin die schlichte Äquivokation von ›Avantgarde‹ Scheinargumente füttert. – Auch ›extrem politische Zeiten‹ sind … nun: mindestens pleonastisch; denn welche Zeit wäre denn es nicht gewesen (solange wir von Zeiten in dieser Welt sprechen …).

    Alles in allem wird dort der historischen Vergangenheit der Moderne nachgetrauert.

    Grüße

    T. R. Brandt

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