Präzision

Oft lese ich, ein Text sei präzise. Vor allem wenn es sich um kürzere minimalistische Texte handelt. Aber unterstellt dieses Wort nicht ein außerhalb des Textes, das mit dem Text in Korrelation steht, also dass der Text präzise das ausdrückt, was der Autor meint. Das mag auf Gebrauchsanweisungen oder politische Reden zutreffen, aber nicht auf literarische Texte. Oder der Term meint, etwas sei genau beschrieben. Auch hier bezieht er sich auf ein außerhalb des Textes, einen Gegenstand eben, der im Text beschrieben wird. Reisejournalismus? Aber im literarischen Text entsteht der Gegenstand erst in der Beschreibung. Text und Gegenstand sind identisch. Insofern ist das Beschriebene immer exakt das was der Text beschreibt. Tautologisch. Kurz kann er sein, der Text, prägnant, anschaulich usw. Aber Präzision ist Sache des Optikers und Chirurgen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Präzision

  1. Ja, „präzise” ist ein oft unbedacht gewähltes Wort, so wie „sprachmächtig”, das ich (auch) nicht gern höre. [Das erste, was ich als Autor machen würde (Gott sei Dank bin ich nur Buchhändler), wäre, vor der Sprache zu kapitulieren und die Ohnmacht zur sicheren Grundlage meines Schreibens zu erwählen, nach dem Motto: Das Nichthaben habe ich sicher.] Mir scheint jedenfalls zweifelhaft, das fragliche Adjektiv als etwas unbedingt Anzustrebendes zu setzen. Ich schätze es zwar, wenn ein Schriftsteller ein gärtnerisches – gestaltendes – Verhältnis zu seiner Sprache pflegt, aber Wildwuchs und Unschärfe (darf ich das ausreißen oder ist das eine Orchidee?) sind doch, meine ich, absolut wichtig als Schreib-Antrieb. Eine rein präzise Sprache wäre eine untaugliche Sprache, man käme zu keinem Ende; sie wäre vor allem witzlos, muffig und grausam.

  2. Andreas Wolf schreibt:

    Die Identität von Text und Gegenstand – ein faszinierender Gedanke. Wenn man Literatur wirklich ernst nähme, dann wäre es wohl genau so. Bloß, wer tut das schon?

    • Aber ob das stimmt, Wolfo, dass der Realismus literarischer Texte sich in den Realien der Sprache erschöpft und alles außerhalb ihrer Liegende ausschließt? Ich würde zwar sagen, dass ein Text dann ’stimmt‘, wenn er in sich stimmig ist, aber das Außerhalb des Textes scheint über die Bedeutungen, mit denen die unsinkbaren Wortschiffchen bis über den Rand beladen sind, doch immer durch, zumal ich alles, was ich sehe und wahrnehme, synchronisieren kann: alles kann getextet werden, und der Text ist eine (einzige) Substanz. Ich finde diese Verwacklungen und Überlappungen spannend. – Literatur entsteht nicht nur aus Literatur, sondern auch aus Beobachtung, aus einer Haltung zum Leben. Aber das war eine andere Baustelle.

  3. wolkenbeobachterin schreibt:

    Meine Erfahrung ist eine andere – nämlich, dass es Präzision nicht gibt. Jedenfalls nicht im Schreiben. Eine (größtmögliche) Annäherung an das, was man meint, das, was man beschreiben möchte – mehr nicht. Es bleibt immer eine Kluft zwischen dem Gedachten und Gemeinten und dem, was (auf-)geschrieben wird.

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    aber, kann man das, was man meint, anders als sprachlich fassen, also als text? und der leser hat letzlich auch nur den text, und alles, was ein autor „eigentlich“ noch sagen wollte und was im text nicht steht, ist verschwunden, als wäre es nie vorhanden gewesen,. und was die beziehung zum aussertextuellen betrifft, auch die kann man nur aus dem text generieren. oder man vergleicht den text mit etwas ihm äusserlichen, dass aber, also dieser vergleich, wäre dann schon der nächste text. vielleicht eine kritik oder eine interpretation.

  5. Clarknova schreibt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob Literatur und Chirurgie sich so unähnlich sind. Über Braschs „Mädchenmörder Brunke“ schrieb Raddatz, es sei „mit dem Rasiermesser geschrieben“. Bedenkt man, dass er der Text von knapp 100 Seiten aus einem mehr als 1000-seitigem Manuskript herausgearbeitet hat, könnte man vllt. auch sagen „mit dem Skalpell geschrieben“ oder zumindest „mit dem Skalpell bearbeitet“. Das Ergebnis, ist ein relativ kurzer, präziser Text, dessen Präzision eben darin zeigt, eine „große“ Geschichte mit vergleichsweise wenigen Mitteln zu erzählen, jeden Satz dem eigentlichen Kern des Textes anzudienen und auf jeglichen Schickschnack zu verzichten. Gerade letzteres kann ja eine große Schwierigkeit beim Prosaschreiben sein. Aber immer dicht an dem zu bleiben, was man eigentlich sagen/schreiben will, hat meiner Ansicht nach schon etwas mit Präzision zu tun.
    Christian Kracht zum Beispiel, mit seinem, ja ich sag’s jetzt, genialen „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“! Auf 160 Seiten erzählt er, woraus manch anderer locker 500 Seiten geschlagen hätte. Aber Kracht bleibt so eng wie möglich an der Story, operiert mit extrem ruhiger Hand und lässt sich nicht ablenken. Er bleibt präzise am Text. Alle möglichen Wucherungen, fallen dem Skalpell zum Opfer. Doch, ich würde sagen, es gibt literarische Präzision und sie scheint mehr als ein Handwerk zu sein.

  6. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    er bleibt nicht am text, er schreibt ihn, vielleicht bleibt er am thema, was er so eben zu text macht. wenn andere daraus ein anderes material machen, das 5 fache machen an text, dann ist das ein andererer text (und muss nicht schlechter sein)

  7. belysnaechte schreibt:

    Deutsche Literatur ist präzise langweilig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s