Zurück zu den Wurzeln

Als ich anfing Lyrik zu lesen, jenseits der Schulgedichte und der Reimspiele auf Familienfeierlichkeiten, war zumindest für mich die Rolle der Lyrik unbestritten, und auch um ihren Marktwert machte ich mir keinerlei Gedanken. Ich las einfach, und das Lesen gehörte zu meinem Leben und zum Leben einiger meiner Freundinnen und Freunde, genauso wie der Besuch von Ausstellungen und Theateraufführungen. Nie kam mir der Gedanke, dass ich etwas besonderes mache. Es gehörte zum Leben wie das Bier im Karl-Marx-Städter Zum güldenen Bock. Wahrscheinlich kann man das nicht auf meine ganze Generation hochrechnen. Aber warum sollte man das auch? Ich betrachtete Kunst nicht durch eine kapitalistische Verwertungsbrille. Auflagenhöhen und Verkaufszahlen waren für mich vollkommen uninteressant. Ein Gedicht war ein Gedicht, und es war in meinen Augen ein gutes oder nicht. Das hatte nichts, mit der Anzahl der Leser zu tun, die es generierte und schon gar nichts mit irgendwelchen Besprechungen in den Presseorganen. Denen misstraute ich ohnehin. Manchmal sehne ich mich nach einen solchen Zustand (man könnte ihn unschuldig nennen.) Auch mein Studium (Ökonomie und Philosophie) änderte daran nichts. Erst am Literaturinstitut drängte sich die Verwertungs- und Konkurrenzschiene in meine Gedanken. Und mittlerweile nimmt die Verwertung im Diskurs über Lyrik einen unerträglichen Stellenwert ein. Da wir aber keinen wirtschaftlichen Durchbruch erringen werden mit unseren Gedichten und auch mit unseren Erzählungen und Essays nicht, sollten wir uns vielleicht bemühen, die Marktdebatte, die naturgemäß eine Neiddebatte ist, von unseren Produktionen und Verständigungen fern zu halten. Wir sollten weiterhin Freiheit vortäuschen.

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3 Antworten zu Zurück zu den Wurzeln

  1. umtriebe schreibt:

    wir sollten sie vorleben, sie uns nehmen, nicht entlang dieser Richtschnur Markt, Verwertung usw. zu denken, uns davon zuvörderst treiben oder lenken zu lassen …

  2. wolkenbeobachterin schreibt:

    Eine Verständnisfrage: Was meinst Du mit „Verwertung“ hinsichtlich von Lyrik?

  3. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    verwetung im wortsinne. also tausch eines wie auch immer gearteten produktes in geld oder ein anderes universelles äquivalent. das ist natürlich im zusammenhang der lyrik kein bedeutsamer anteil an der gesamtwarenbewegung, aber was für viele zu vernachlässigen ist, kann dem einzelnen einen fröhlichen nachmittag bereiten. verwertung heißt also, dass sich der im produkt enthaltene potentielle tauschwert im tausch realisiert. und erst danach kann man vom reellen wert des produktes sprechen (nach maßgaben eines kapitalistischen verwertungsprozesses, dem wir nun mal unterliegen.)

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