Ohne Leitbild

Ich fühlte mich heute an diesen Text erinnert, den ich vor 20 Jahren im Rahmen meiner Magisterarbeit geschrieben habe, es ist schom erstaunlich, wie dogmatisch man doch sein kann:

In seiner Schrift „Ohne Leitbild“, die sich gegen eine zyklisch auftretende Forderung richtet, dem einzelnen Kunstwerk äußerliche Kriterien für Kunst im allgemeinen zu entwickeln, an welche die Künstler sich in halten können und müssen, und durch die auch der Rezipient Mittel zur Einschätzung in die Hand bekommt formuliert Adorno:

„Die Sphäre aber, in der über richtig und falsch zwingend, doch ohne Rekurs auf trügerische Leitbilder sich entscheiden läßt, ist die technische.“1

Um das Mißverständnis zu vermeiden, daß mit diesem Kriterium der Entscheidbarkeit, das bruchlose sich Fügen des einzelnen Kunstwerkes in die Einheit des Stils gemeint sei, verweist Adorno darauf, daß das sich Halten an die aus der Einheit des Stiles ergehenden Forderung zu nichts weiter führte, als zur Kopie des Vorhandenen, also Entwicklung und subjektiven Ausdruck ausschließe.  Wenn in der Vergangenheit große Kunstwerke sich als geschlossen darstellten und in der Sprache einfach identisch, so sei dies nur ein Phänomen ihrer Oberfläche. In Wahrheit seien sie „Kraftfelder, in denen der Konflikt zwischen der anbefohlenen Norm und dem ausgetragen wird, was in ihnen Laut sucht.“2 Je energischer dieser Konflikt ausgetragen würde, um so höher rangierten sie.
Stil ist demnach ein Produktionsverhältnis, das die künstlerische Produktion hemmt und fördert zugleich. Mit dem Wegfall einer „anbefohlenen Norm“ scheint ein Zustand erreicht, der in absolute Beliebigkeit ausartet. Es könnte angenommen werden, daß der subjektiv künstlerische Ausdruck ungehemmt ins Freie trete. Dieses Moment des Ungehemmtseins würde aber Ausdruck im emphatischen Sinne unmöglich machen, die Momente des Werkes auf willkürliche Gefühlsäußerungen reduzieren und mit der Einheit das Werk selbst zum Verschwinden bringen. Der Wegfall des Widerständigen am  Material und der Anstrengung, es zu überwinden, suggeriert angesichts gesellschaftlicher Totalität eine Freiheit, die nur durch ein sich Fügen ins Allgemeine erkauft würde, eine Freiheit, die keine wäre. Das Verleugnen der eigenen Vermitteltheit, Suggestion von Unmittelbarkeit zeitigt die Fratzen gesellschaftlicher Herrschaft als Idole.
Kunst darf sich aber diesem Konflikt nicht entziehen. Sie kann ihm begegnen, wenn sie auf Durchbildung des einzelnen Werkes zielt, eine eigene innere Rationalität entwickelt, durch die jedes einzelne Moment des Werkes bestimmt ist. Diese innere Rationalität läßt sich nicht durch der Kunst äußerliche Normen bestimmen. Sie ergibt sich erst im Vollzug und macht das Werk zu einem dynamischen Phänomen im Stillstand.  Zugang erhält, der die innere Dynamik bereit ist nachzuvollziehen.

Im Material wird der Künstler auf Geschichte verwiesen, denn Material ist „sedimentierter Geist.“3 Der Künstler  muss Veraltetes von Brauchbaren scheiden und somit einen Ausdruck ermöglichen, der zugleich subjektiv, aber in der Subjektivierung als objektiver sich bewährt. Dies ist nicht durch universelle und feste Normen zu erreichen. In der Geschichtliche verändert sich die Produktion, aber einzig im hier und jetzt ist über das Verfahren zu entscheiden.

„Der fortgeschrittenste Stand der technischen Verfahrungsweise zeichnet Aufgaben vor, denen gegenüber die traditionellen Klänge als Clichés sich erweisen.“4

Adorno bringt hier einen Begriff von Technik ins Spiel, der sich von dem der Dialektik der Aufklärung grundlegend unterscheidet. Während dort Technik zwischen dem Zweck der Produktion, der außerhalb der unmittelbaren, in der Ordnung des Eigentums begründet ist, und den gegenständlichen Bedingungen der Produktion vermittelt und unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktion die Subjektivität versachlicht wird, wird künstlerische Technik zu einem Kriterium für Richtigkeit und ästhetische Verbindlichkeit, die sich auf die Sache selbst richtet, und in ihrer Versachlichung Subjektivität freilegt.

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