Kritik

Vielleicht ist es ja so, dass die Sehnsucht nach dem Verriss in der Literaturkritik einem kapitalistischen Impuls entspringt. Denn hinter ihr verbirgt sich die Sucht nach Vergleichbarkeit, die Marx in der Wertformanalyse im ersten Band von Das Kapital durchaus beeindruckent darstellt. Auch begründet Marx hier die Psychologie aus der wirtschaftlichen Struktur. Wird ein Buch verissen, wird es letztlich in ein abstraktes Wertverhältnis zu den Mitbüchern gesetzt, und minder taxiert wie eine (minderwertige) ware. Damit wird aber auch das konkrete Moment, das jeden Text auszeichnet und ihn unvergleichbar macht, negiert.  Elke Erb sagte mir neulich am Telefon, als ich ihr berichtete, das ich mich mit zwei Titeln doch arg herumplage, dass ein Verriss Kapitulation vor dem Text sei. Und sie hat recht. Es geht beim Lesen doch eher darum, sich einen Text zu erschließen. Eine gelungene Rezension stellt diesen Prozess dar.

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3 Antworten zu Kritik

  1. tobiaslindemann schreibt:

    Guter Einwurf, aber ich habe im Feuilleton, das sich ja als letzte Bastion der Literaturkritik versteht, schon lange keine Rezension mehr gelesen, die das Erschließen eines Textes als Prozess sichtbar macht.

  2. amruthgen schreibt:

    Dass „ein Verriss Kapitulation vor dem Text sei“, ist auch in der philosophischen Forschung festzustellen. Mit der ‚gerechtfertigten Überzeugung‘ der Interpretierte habe ‚Denkfehler‘ begangen oder dies oder jenes nicht beachtet, werden Philosophen, die neben dem Mainstream liegen, disqualifiziert. Das verhindert das Entdecken von Sichten, die wertvoll sein könnten.

  3. Pingback: Bücher besprechen | muetzenfalterin

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