zurück zur entwurzelung – mein pegida-reflex

aus einem text von 1995:
„Wir nennen jenes versammelnde Schicken, das den Menschen erst auf einen Weg des Entbergens bringt, das Geschick. Von hier aus bestimmt sich das Wesen aller Geschichte. Sie ist weder nur der Gegenstand der Historie, noch nur der Vollzug menschlichen Tuns. Dieses wird geschichtlich erst durch ein Geschickliches.“1

Diese Bestimmung der Geschichte als Geschick beschneidet von vornherein die Möglichkeit der Erkenntnis des Charakters historischer Bewegung.2 Geschichte stellt sich jetzt nur noch dar als Zutagetreten des Wesens einer bestimmten Art und Weise der Entbergung, was entschieden viel weniger beinhaltet als der komplexe Begriff Produktionsweise. Das Wesen bleibt für Heidegger naturwüchsig unverändert. So sieht Heidegger in der modernen Technik, auch wenn sie erst nach der modernen Naturwissenschaft auftritt, wesentlich das historisch Vorherliegende, da sie als Geschick der Neuzeit ohnehin zugrundeliegt. Allerdings habe es mit dem Wesen der modernen Technik etwas Besonderes auf sich. Das Gestell verberge das Entbergen. Da es alles als Bestand bestelle, bestehe die Möglichkeit, daß ‚der Mensch‘ das Seiende auch nur als Bestand und funktional, auf seine Zwecke ausgerichtet, erfasse und in den Dingen nur noch sich selbst sehe. Somit verstelle das Gestell seinen eigenen Grund, die Entbergung und damit sein Wesen und die Wahrheit.

„Die Herrschaft des Gestells droht mit der Möglichkeit, daß dem Menschen versagt sein könnte, in ein ursprünglicheres Entbergen einzukehren und so den Zuspruch der anfänglicheren Wahrheit zu erfahren.
So ist denn, wo das Gestell herrscht, in höchstem Sinne Gefahr.“3

Heidegger erklärt die Gefahr nicht aus dem Zwangszusammenhang der naturbeherrschenden Selbsterhaltung, sondern als das Verstellen eines Rückweges in Ursprünglicheres. Diese Gefahr wäre insoweit einzusehen, als sie Einsicht in den Gang der Geschichte und Selbstreflexion verhindert4. Als solche wäre sie als die Gefahr des blinden Wütens gesellschaftlicher Zwangszusammenhänge zu begreifen, die eine Bedrohung für den Einzelnen darstellen. Aber darum geht es Heidegger eben nicht, wie aus seiner Konzeption der Rettung ersichtlich wird.
Aus dem Hölderlinvers „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ leitet Heidegger die Möglichkeit eines Abwendens der Gefahr ab.5
Das Gestell sei als Wesen der Technik das Bleibende oder Währende. Als solches bedürfe es des Menschen, der in der Weise des Entbergens agiere. In dieser Situation sei der Mensch der Wahrheit vereignet.
Die moderne Technik bleibe also Weise des Entbergens, auch wenn sie den Sachverhalt des Entbergens verbirgt. Als Entbergen brauche sie den Menschen. Je mehr dieser sich der Technik verschreibe, um so näher sei er der Einsicht in ihr Wesen.

„Die Kehre der Gefahr ereignet sich jäh. In der Kehre lichtet sich jäh die Lichtung des Wesens des Seins. Das jähe Sichlichten ist das Blitzen. Es bringt sich selbst in die mit- und eingebrachte eigene Helle. Wenn die Kehre der Gefahr die Wahrheit des Seins blitzt, lichtet sich das Wesen des Seins. Dann kehrt die Wahrheit des Wesens des Seins ein.“6

Der Ausweg liegt für Heidegger also in der Sache selbst. Der Mensch als Agent bleibt passiv. Er hat sich affirmativ den Verhältnissen zuzueignen, in der Hoffnung, daß Wahrheit sich ereigne. Heidegger bleibt an dieser Stelle seiner ‚Rationalitätskritik‘ treu. Indem er auf die Arbeit am Begriffe verzichtet, baut er darauf, daß Wahrheit sich ihm zuspreche, sich ereigne. Solches Vertrauen ist für Adorno unmöglich. Für ihn ist die Wahrheit der modernen oder besser Tauschgesellschaft die Vernichtung des Einzelnen, dessen Trost auch nicht im Fortbestehen der Gattung liegen kann, da er in seiner Leiblichkeit als Opfer keinen Anteil hat und deren Fortbestehen unter dem permanenten Opfer auch keineswegs als gesichert gelten darf.

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2 Antworten zu zurück zur entwurzelung – mein pegida-reflex

  1. belysnaechte schreibt:

    Und wie stehen sie nun zu den muslimfeinden pegida?

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ich denke, dass da etwas zum ausdruck kommt, was auch in heideggers denken abgelagert ist. natürlich nicht in einer philosophischen terminologie. es hat aber im grunde die gleiche wurzel: ein tief antidemokratischer impuls

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