Weiter Tagebuch

Keith Waldrop

Es ergießt sich Licht.

Ich komme nach Providence in jenem Alter, in welchem Dante in die Hölle stolpert.

Mit Acht, meinetwegen auch mit Zehn, beginne ich ein Tagebuch, nicht intensiv, mehr um Ereignisse festzuhalten, wenn ich mich recht erinnere, und nicht so sehr Gefühle.

Nach ein paar Wochen sehe ich und denke, ich glaub es nicht, wie mein Vater sich an meinen Schreibtisch setzt und in meinem Tagebuch liest.

Ich werfe das Tagebuch weg.

Ich fange nie ein neues an.

So viele Menschen und zu allen Zeiten glauben, dass jeder von uns ein kleines Universum sei, ein Gläschen, das das große Ganze spiegle und in uns alles abgebildet sei, ganz winzig klein in seiner Gesamtheit, eine Mikrowelt.

Avicenna aber geht von einer anderen Vorstellung aus. Wir sind, so mutmaßt er, in uns anfänglich ganz leer – leer, das heißt, da ist nichts in uns. Aber wir können, wenn wir denken, Stück für Stück den Kosmos in uns aufnehmen und alles reflektieren, Ding für Ding, so dass wir zu einem Spiegel des großen Ganzen werden. Aber wenn es uns misslingt, gehen unsere Seelen verstümmelt und nur zum Teil in die Ewigkeit ein.

Der Tod des Sängers erschüttert mehr als der des Dichters, weil Gedichte und Erzählungen frei vom Körper dessen existieren, der sie geschaffen hat.

Ich gehe in die Vorhalle, um die Tür für die Nacht zu verriegeln.

Minuten später frage ich mich, ob ich die Tür schon verriegelt habe. Ich kann mich an das Verriegeln nicht erinnern, spüre das Drehen des Riegels nicht in meinen Fingern und auch das Echo des Gefühls vom Einhängen der Kette nicht.

Zurück in der Vorhalle finde ich die Türe verriegelt, die Kette eingehängt.

Seltsam, wie Simone Weil einen Gegensatz von Schwerkraft und Gnade ausmacht, während Augustinus weiß, dass seine Liebe zu Gott eine überschwere Bürde ist, ein Ballast.

Um zu Hause zu sein, muss ich an dem Ort leben, an dem ich mich daran erinnere, gelebt zu haben.

Die Zahl der Spatzen nimmt zu. Und jene der Tauben. Banden von Blauhähern.

Die selteneren Vögel aber verschwinden alle.

Ich bin in Providence nicht wirklich zu Hause, obwohl ich hier schon länger wohne als irgendwo sonst.

Man bietet mir zum Kaffee eine Madeleine an. Die einzige Erinnerung, die das Gebäck auslöst, ist die an Proustlektüre.

Ich spreche keinen Dialekt, und Weiher sind für mich noch immer kleinere Teiche.

Irgendeiner sagt: „Vergangenheit“ ist nichts, was sich ereignet, doch ist sie ein Szenario in meinem Kopf, das mich dafür verantwortlich macht.

aus: Die Gestalt der Brücke

(dt. von Jan Kuhlbrodt)

bald

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Eine Antwort zu Weiter Tagebuch

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Kanns kaum erwarten.

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