aus gegebenem Anlass

Bin ich, wenn ich über Bücher schreibe ein Kritiker? Nach meinem Selbstverständnis eher nicht, zumindest kein Literaturkritiker, denn Verstehen ist mir wertvoller als werten. (Natürlich schleicht sich hier und da ein Ausruf der Begeisterung in meinen Text, doch ist das eher, wenn auch nicht ungewollt, so doch spontan, denn manche Texte, selten zwar, ziehen mir den Boden unter den Füßen weg und ich genieße den freien Fall, der mir momentlang ein Fliegen vorgaukelt.) Vielleicht kommt das verstehen Wollen von der Philosophie her, die für lange Zeit mein Kernfach war und sich im Augenblick anschickt, es wieder zu werden. Denn ich suche in Texten Erkenntnis, die des Anderen, aber auch meine, und Erkenntnis scheint mir die Schönheit zu ersetzen. (Wenn auch nicht ganz, aber dazu siehe obige Klammer.) Man mag mir vorwerfen, dass ich so an literarische Texte wie an philosophische herantrete, und mit diesem Vorwurf muss ich leben.  Doch Benjamins Vorstellung vom Kritiker, der sich einen Text vornehme wie der Kannibale ein Kind, ist mir im Grunde zuwider, zumal jeder Text eine solche Kritik überleben würde und wahrscheinlich auch den Kritiker.

Was Ingold in seinem Aufsatz zur Literaturkritik anmerkt zielt wahrscheinlich auf einen Zusatand der Visionslosigkeit der gegenwärtigen Literaturkritik. Als Visionslose nämlich befindet sie sich permanent auf der Suche nach dem Makel und ist, weil es ihr selbst mangelt, zum Ausgleich nicht fähig. Und genau das, diese Visionslosigkeit meine ich beim Bachmannpreis beobachten zu können, wo Kritiker Texte, die sie selbst ausgewählt haben, für nicht satisfaktionsfähig erklären, und dann über ein vermeintlich demokratisches Abstimmverhalten den vermeintlich besten ermitteln. Wenn solche eitle Ratlosigkeit Literasturkritik ist, dann möchte ich üm keinen Preis Kritiker sein und bemitleide jene eher, die sich so zu nennen gewohnt sind. Mit Vergnügen werde ich weiterhin lesen und zu erkennen versuchen. Das ist meiner Ansicht nach Kritik. Vielleicht aber eben keine Literaturkritik, die mir damit auch gestohlen bleiben kann.

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