Paradox

Ich bin noch ein wenig krank und nutze die Zeit zu einer Art wildem Lesen.

Die Postbotin brachte gerade Mayröckers cahier, unerwartet, ich kann mich nicht daran erinnern, es bestellt zu haben. Doch die Freude ist entsprechend groß. Ich liebe solche Produkte, die mehr über die Zeit ihres Entstehens aussagen, als durchkomponierte Romane. Dabei bin ich mir sicher, dass auch diese Aufzeichnungen auf eine gewisse Weise komponiert sind. Beim unkontrollierten Aufschlagen finde ich eine Art Anrufing an Ann Cotten. Damit hatte ich so nicht gerechnet.

Mayröcker und Erb sind Wahrnehmungsweltmeisterinnen. Also grabe ich auch noch Erbs Der wilde Forst aus dem Regal. Das alles lege ich neben Ingolds Leben und Werk. Zunächst also lese ich weiter Ingold. Auf Grund von Reiseaktivität und anschließender Erkältung habe ich einiges aufzuholen. Spannend immer wieder kurze Reflextionen über zeitgenössisches Theater. Gepräche mit Krys, einer Freundin Ingolds und Regisseurin.

Ich merke, wie mich solche Passagen von der Krankheit ablenken (heilen fast, denn bei einer Erkältung ist Ablenkung doch Heilung.) Starke Werke dieser Art (gilt auch für Literatur) halten sich heute nur noch in den Marginalien, der Betrieb rezipiert sie nicht mehr; erst wenn die Ränder — wann auch immer, und falls überhaupt — so schwer von solcher Ausnahmekunst besetzt sind, dass sie hereinbrechen und die formlosen Quantitäten unter sich begraben, werden sie in der Mitte angekommen sein. Das schreibt Ingold in Hinsicht auf einen Film, den er mit Krys gesehen hat. Ein Film, der keinen Verleih fand.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Verlagerung ins Zentrum den Produkten nicht ihre Kraft nähme. Wie man Werke durchaus depotenziert, indem man sie zu Klassikern erklärt. So geschehen bei der herz- und kraftlosen Vermittlung von Brecht- oder Majakowskitexten in den Schulen, die ich besuchen musste. Auch Goethe hatte man derart entsaftet dort, dass er nurmehr als gewalkte Haut erkennbar war. Randständiges ist einer derartigen Behandlung entkommen.

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