Danke Jayne Ann Igel!

Laudatio auf Jan Kuhlbrodt anläßlich der Verleihung des Sächsischen Literaturpreises

Daß wir in diesem Jahr, da sich die Friedliche Revolution des Herbstes 1989 zum 25. Mal jährt, Jan Kuhlbrodt als Träger des Sächsischen Literaturpreises ehren dürfen, empfinde ich als eine überaus glückliche Wahl der Jury. Denn mit ihm ehren wir einen Zeitgenossen, der gleich in mehrfacher Hinsicht der Literatur verbunden ist: als Autor, Kritiker, Theoretiker, Mittler, Lehrender und begeisterungsfähiger Rezipient, dessen Begeisterungsfähigkeit jedoch den analytischen Blick auf Literatur nicht verstellt. Und ehren damit einen Autor, für dessen literarisches Schaffen der Blick auf die jüngste Geschichte, Vor- und Nachwendezeit, und wie sich diese Geschichte im Gegenwärtigen widerspiegelt, bestimmend ist. Explizit in Kuhlbrodts Langgedicht „Stötzers Lied“ ist das gut zu beobachten. Hier können wir dem Erinnerungsstrom des Titelhelden, die dem Vorbild einer im übrigen historisch verbürgten Person nachempfunden ist, folgen. Einer Figur, die in Zwiesprache mit dem Autor-Ich nicht nur ihr Leben und die Wirklichkeiten in der DDR und der Zeit nach der Wende reflektiert, sondern dies alles in einen erhellenden kulturhistorischen Zusammenhang stellt. Stötzer und sein Autor mögen dabei als Sonderlinge erscheinen, die mit ihren philosophisch-poetischen Betrachtungen der Jetzt-Zeit öfters quer liegen, quer zur dominierenden Denkrichtung und Erinnerungskultur. Doch das macht das Ganze erst produktiv. Und an mancher Stelle blitzt dabei hintergründiger Witz auf, der mich an einen gewissen Herrn Keuner denken läßt …

Nachdem im Kielwasser der 1989er Ereignisse das Ende aller Utopien, ja der Geschichte überhaupt verkündet wurde und es dem Zeitgeist auch opportun erschien, das aufklärerische Moment aus der schöngeistigen Literatur zu verbannen, bedürfen wir in der Gegenwart dieser Funktion von Literatur resp. Kunst dringlicher denn je. Jan Kuhlbrodts philosophisch grundierter und genreüberschreitender künstlerischer Ansatz kann in diesem Sinne als Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart verstanden werden. Einer Zeit, in der die herrschende Ökonomie errungene Freiheiten und Individualität mehr oder weniger subtil umformt und perforiert und so neuerdings eine Uniformität erzeugt, marktkonform, wiewohl sie sich bunt gibt. Die Menschen haben darin oft nur noch Gewicht als Konsumenten, Kunden, Klienten und Selbstvermarkter, als Subjekte wie Objekte einer alle Lebensbereiche durchdringenden Ökonomisierung. Während die Kunst vom Einzelnen spricht, ihm Wesenhaftigkeit und Würde zurückgibt. In einer Sprache, die den Dingen den Charakter von Allgemeingültigkeit verleiht. Jan Kuhlbrodt, der noch zu DDR-Zeiten Politische Ökonomie studiert hat und in den 90er Jahren in Frankfurt/M. Philosophie und Soziologie, ist ein Zeitgenosse, der diese Prozesse genau beobachtet, mit einer Sensibilität auch für den Grad der damit einhergehenden Entsolidarisierung in der Gesellschaft. Geschichte, Zeitgeschichte und die Auseinandersetzung mit politischen Entwicklungen bilden ein konstitutives Element für sein Schreiben, wie er in einem Bändchen der Essayreihe „Edition Poeticon“, das im letzten Jahr im Verlagshaus J. Frank erschienen ist, bekennt. Ganz gleich, ob es dabei um Gedichte, Prosa, Essay oder Literaturkritik geht. Auch Kuhlbrodts literarischen, literaturtheoretischen wie -kritischen Exkursen eignet immer eine geschichtliche als auch zeitkritische Dimension – er verkörpert in diesem Sinne den Typus eines Intellektuellen, der sich in vielfältiger Weise in laufende Debatten einmischt. Einen Typus, den es heute kaum noch gibt, wiewohl er bitter nötig wäre, in einer Zeit schwindender gesellschaftlicher Übereinkünfte.

Jan Kuhlbrodts gattungs-, genre- und sprachübergreifendes Arbeiten dünkt mir einer jener Anknüpfungspunkte an verschüttete Literaturtraditionen vorhergehender Jahrhunderte und vor allem der Aufklärung und der Europäischen Moderne, nach denen er in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur immer und oft vergebens auf der Suche. Wenn er in seinem Geschichtsessay etwa bedauert, daß mit einigen wenigen Ausnahmen Geschichte in der deutschen Gegenwartslyrik kaum eine Rolle spielt oder auf Neuerungen in der erzählenden Prosa insistiert, so zählt für mich Kuhlbrodt unbedingt zu diesen Ausnahmen und auch zu jenen, die sich nicht scheuen, sich mit tradierten Formen auseinanderzusetzen und zu experimentieren. Insbesondere in seinen letzten Veröffentlichungen, zu denen gleichberechtigt Beiträge in digitaler Form zu rechnen sind, münden Erkundungsgänge durch die jüngere Vergangenheit, die Gegenwart und selbst durch autobiographisches Terrain immer wieder in geschichtsphilosophische Betrachtungen und zeitübergreifende Diskurse. Sie bilden den besten Beleg dafür, daß er in eben diesem Sinne unterwegs ist, und das nicht einfach, indem er die vorhandenen Traditionsfäden aufnimmt, sondern in der Verknüpfung verschiedener Reflektionsebenen daraus ein ganz eigenes Garn „spinnt“, neue Perspektiven eröffnet. Kuhlbrodts poetischen Räumen eignet immer auch eine geschichtliche Dimension und umgekehrt. Und in Geschichte, so können wir dem obengen. tiefgründigen, die Möglichkeiten und Grenzen historischen wie zeitgenössischen Künstlertums gleichermaßen auslotenden Essay weiter entnehmen, manifestiert sich vor allem Freiheit. Dabei darf Freiheit hier durchaus als emanzipatorisches Element verstanden werden. Kunst gilt ihm als Einwand gegen das Unausweichliche. Das mag zunächst paradox erscheinen, doch im genaueren Hinschauen als Widerspruch, der produktive Wirkungen zu entfalten vermag. Denn weiter heißt es: Dichtungen sind wie alle Kunstwerke das Bleibende am Vergänglichen.

Jan Kuhlbrodt, der die erste Zeit seiner Kindheit, die Jahre vor der Schrift im Karl-Marx-Städter Stadtteil Sonnenburg verbracht hat, pendelte, den Herkünften seiner Eltern geschuldet, zwischen den Polen eines mehr proletarisch geprägten Alltagsbewußtseins auf der einen und einer eher bürgerlichen Kultur auf der anderen Seite. Die Großeltern väterlicherseits besaßen eine Doppelhaushälfte am Rande dieses Viertels, ein Haus, was schon etwas bedeutete, in der DDR. Heute würde man vielleicht von einem eher bescheidenen Mittelstand sprechen, nur daß in der DDR dieser Begriff kaum Verwendung fand. Früh hat der Junge soziale und kulturelle Unterschiede wahrgenommen, ohne sie indes zu bewerten. Diese Pole bildeten für das Kind, dessen Vokabular Substantive ohne Substanz enthielt, vielmehr Anker- und Ausgangspunkte für die alltäglichen Erkundungsgänge, was sich in Jan Kuhlbrodts pointierter erzählerischer Prosa „Vor der Schrift“ wunderbar nachvollziehen läßt.

Es liesse sich noch manch anderes Lobenswertes insbesondere zu Jan Kuhlbrodts Rolle als Sondeur nicht allein in der Landschaft der deutschsprachigen Literatur hinzufügen. So erscheinen dieser Tage seine Neuübertragungen von Gedichten des griechischen Lyrikers Konstantinos Kavafis, auf der Website des poetenladen dazu in regelmäßigen Abständen Nachdichtungen der Lyrik zeitgenössischer Autorinnen und Autoren aus Griechenland. Er hat da ein Fenster aufgestoßen, zugunsten eines internationalen Austauschs … Jan Kuhlbrodt regt immer wieder zur Lektüre der Werke von Autorinnen und Autoren an, deren Namen dem Vergessen anheim gefallen sind oder denen nicht die Aufmerksamkeit zu teil geworden, die sie verdient hätten. Hier möchte ich stellvertretend nur zwei Namen nennen: Schestow und Tschurilin, letzterer erst eine jüngste Entdeckung. Wer sein Blog „postkultur“ besucht, wird reich beschenkt werden. Das Blog stellt eine Art Arbeits- und Logbuch dar, einen weiteren Raum für Reflexionen und Entdeckungen.

Jan Kuhlbrodts Künstlerschaft ist von einer Unbedingtheit – auf seine Haltung könnte zutreffen, was Reiner Kunze vor ein paar Jahren in einem Interview hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Gedichts von der Post formuliert hat: „Wenn Ihnen solche Einfälle kommen und Sie schreiben die Gedichte nicht, versündigen Sie sich an der Poesie, der Freiheit und den Menschen“. Und Jan Kuhlbrodt ist dabei auch einer, der die Bedingungen dieses Künstlerdaseins mitreflektiert.

Jayne-Ann Igel 05/XI/2014

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