Badiou

Gerade habe ich ein wenig in Badious Theorie des Subjekts herumgelesen. Natürlich kann ich über den Text (noch) nicht allzuviel sagen, außer vielleicht dass er einen gewissen vergangenen Atem trägt. Und ein beruhigendes Moment. Marx schrieb in der elften These über Feuerbach, dass Theorie zur materiellen Gewalt werde, wenn sie die Massen ergreift. Und das 20. Jahrhundert war geprägt von ergriffenen Massen, Massen die geradezu besessen waren. (So wie heute der IS). Wie beruhigend ist es also in einer Theorie zu lesen, die einen derartigen Ergreifensanspuch hinter sich gelessen hat, die den Fundamentalismus letztlich von den Massen, die sie ergreifen wollte, ausgetrieben bekam. Eine solche Theorie wird wieder Denkmodell wo politischer Anspruch an ihr abperlt und als Modell unter Modellen bleibt sie wertvoll.

Irgendwann hatte der westliche Marxismus sich der Psychoanalyse verschrieben, weil es ihm auf andere Weise unerklärlich blieb, warum die Massen ihn nicht ergriffen haben. Die einen lasen Freud, die anderen Lacan. Auf diese Weise kam er aber zu Erklärungen gesellschaftlicher Zustände, die weniger einfach von der Hand zu weisen sind als der Führungsanspruch linker und vor allem kommunistischer Parteien. Diese letztlich politische Depotenzierung machen seine theoretische Potenz heute aus. Mit ihm könnte es gelingen dieses Hamsterrad, das wir Geschichte nennen, zumindest ansatzweise zu erklären. Ich werde weiterlesen, lächelnd und erschütterbar. Und langsam auch verstehe ich BadiouBrechts „Lied von der Moldau.“

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Badiou

  1. arnachie schreibt:

    Lieber Jan,
    was ich wirklich entscheidend bei Badiou finde, ist eine gewisse Frontstellung gegen das ironisch-unfestgelegte (Nicht-)Subjekt, zu dem ich mich wohl auch zählen lassen müsste. Gegen jene Flaneure und Menschen ohne Eigenschaften, die nicht mehr fähig sind, sich ernsthaft an zB emanzipatorische Projekte zu binden, weil sie immer sofort in ironische Distanz gehen zu dem Gesagten. Man kann sich darüber streiten, ob Ergriffenheit die Lösung ist (man darf halt das Ereignis als Kategorie bei ihm nicht vergessen). Aber irgendetwas in die Richtung braucht es heute meines Erachtens, wenn Dinge in Bewegung kommen sollen. Vielleicht ist es nicht unwichtig, dass ein solches Subjekt sozusagen „post-ironisch“ ist, dass es also die wichtige und unverzichtbare Erfahrung gemacht hat, dass jede Festlegung kontingent ist. Aber in einer Geste der „zweiten Naivität“ vielleicht dann dennoch sich ergreifen lässt in einer Weise, die nicht mehr einfach nur naiv ist.
    Ich hatte seinerzeit mal etwas zu Zizeks Badiou-Lektüre geschrieben: http://failingforward.wordpress.com/2013/09/21/zizek-so-etwas-wie-wahrheit/
    Grüße
    Arne

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    Lieber Arne, vielen Dank für den Link. was die Überwindung der Ironie betrifft gebe ich dir vollkommen recht. Und langsam verstehe ich auch überwunden geglaubte Theorie als wertvolle Ressource zu begreifen. Adornos Anfang der Negativen Dialektik formuliert das treffend. Eben um einen Weg durchs Gedachte zu finden. Nicht nur Badiou ist mir das wertvoll, sondern auch die Situationisten zb. Althusser auch und Gramsci usw.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s