Urheber

Lese in Ingolds Tagebuchkonstruktion einen Eintrag vom 16. Januar über die Plagiatsvorwürfe gegen Tellkamp. Manchmal gelingt es mir, dieses Buch, Tellkamps Buch, zu verdrängen, doch jetzt ist mein Unbehagen, das sich mit „Der Turm“ verbindet wieder vollkommen spürbar. Sicher ist es (zunächst) kein ästhetisches Unbehagen, das sich gegen die von Tellkamp gewählte doch überkommene Form richtet, sondern ein politisches und sicher auch persönliches. (Auf einer Veranstaltung in der Leipziger Universitätsbibliothek wurde einmal über unsere beiden Bücher („Der Turm“ und „Schneckenparadies“) gesprochen. Und während die Kritiker mit langen Zungen über Tellkamps Schuhe leckten, zeigten sie sich meinem Text gegenüber äußerst verschlossen. Und natürlich war ich auf eine gewisse Art verletzt. Aber noch mehr zuwider war mir die Feier der neuen Bürgerlichkeit in den deutschen Feuilletons, die sich an Tellkamps Roman anschloss. Natürlich hatten die Bürger in Dresdens Vororten die DDR überlebt, wie schon die der Zone vorangegangene Diktatur. Sie haben sich immer dienstbar erwiesen. Tellkamp als Chronist bürgerlichen Versagens? Wenn es so mal wäre. Viel spannender finde ich in diesem Zusammenhang übrigens Beyers Roman Kaltenburg.) Und was das Plagiat betrifft, bin ich ganz auf Ingolds Position: Literarisches Handwerk, literarische Techniken entwickeln sich nicht von selbst, sie sind ebenso auf Erfahrung angewiesen wie die daraus entstehnden Texte, lassen sich aber, da sie eher aus kollektiver Schreiberfahrung erwachsen, nur ausnahmsweise auf einen individuellen Urheber zurückführen. (Ingold: Leben und Werk.)

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Eine Antwort zu Urheber

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    „Und während die Kritiker mit langen Zungen über Tellkamps Schuhe leckten, zeigten sie sich meinem Text gegenüber äußerst verschlossen. Und natürlich war ich auf eine gewisse Art verletzt.“ – schön, dass Du den Mut (ohne Anführungszeichen!) hast, das zu schreiben.
    Tellkamp als Ausdruck der neuen Bürgerlichkei? Ja, unbedingt. Ich glaube aber auch, dass der „Turm“ teilweise einer Wunschbiographie entspricht. Ich weiß nicht, in wie weit ihm, dem Bürgerlichen seine Unterschrift unter drei Jahre NVA (damals absolute Bedingung für einen Medizinstudienplatz) heute wurmt.
    Ich hatte einen Kollegen, der 1988 ausreiste und umgehend einen Medizinstudienplatz im Westen erhielt (machen wir uns nichts vor: Da gab es Previlegien für Übersiedler), und der dann Anfang 1990 mit schon zwei vorklinischen Semestern auf dem Buckel alle die wieder traf, die sich wie Tellkamp für drei Jahre verpflichtet hatten.
    Der Studienplatz dieser „Dreijährigen“ war keineswegs sicher nun, und das Manko des Oppertunisten hatten sie auch noch zu tragen, während mein Freund auf der Überholspur sowohl beruflich als auch moralisch an ihnen vorbeizog. (Das ist eigentlich schon der Beginn einer Novelle….)
    Grüße!

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