Short

Spürbar … eine gute Kurzgeschichte löst eine Emotion aus, eine Bewegung, die anders, als beim Roman, eine Interruption sein kann, ein verhallender Schuss, ein Stein, der aufs Wasser trifft, wir spüren mehr, als wir wissen. Wir durchschreiten einen kleinen Raum, in dem, wie durch Magie, so viel und so wenig zugleich enthalten sein kann.

Aha.

Man kann sicher auch so lesen, dass sich das Genre als Produkt braun gebrannter Hemmingways mit großem Schwertfisch darstellt. Also eher als Machoattitüde. Nun hat Clemens Meyer in seinem Artikel über die Short Story schnell noch den Namen Munro eingeschoben, um wenigstens eine Frau zu präsentieren. Ich vermute allerdings, dass er von ihr nicht viel mehr kennt, als die Artikel zur Nobelpreisverleihung offenbarten. Und ich muss zugeben, ich auch nicht.

Was Meyer auf jeden Fall kennt, sind Kurzgeschichten von Hilbig, Faulkner und Hemmingway. Faulkner würde ich vielleicht ausnehmen, aber die anderen beiden waren ausgemachte Machos, und das merkt man ihren Kurzgeschichten auch an. Was nicht heißt, dass ich nicht begeistert gewesen wäre, als ich sie las. Allerdings resultierte meine Begeisterung für Hilbig weniger aus der souveränen Beherrschung der Form. eher aus einer gewissen Unsicherheit, die seinen Geschichten zu Grunde liegt. Keine stilistische Unsicherheit, aber ein Moment, das eine grundlegende Unbehaustheit verrät. (Darüber muss ich noch einmal genauer nachdenken). Dieses Unsicherheitsgefühl verstärkt sich noch, wenn man Hilbigs Frankfurter Poetikvorlesung daneben legt.

Einerseits kann ich Meyers Sympathie für die Kurzgeschichte verstehen, andererseits leuchten mir seine Gründe nicht ganz ein, und ich fürchte, er feiert bei Hilbig und Hemmingway, und sogar bei Faulkner eher die Attitüde als die Literaur.

Gerade lese ich Stories der Amerikanerin Lydia Davis und bin begeistert von der Art, in der sie die Form seziert, aber auch unerwartete Querblicke eröffnet. (Z. B. auf die Tagebücher Flauberts. Aus Fremdtext dem sie kleine Verletzungen zufügt, destilliert sie eigenen. Das ist großartig und ein Verfahren, mit dem man Autoren, die man bewundert, beikommen kann. Andererseits auch treibt sie literarische Reduktion auf die Spitze. Ein wenig in der Tradition des Mexikaners Monterosso.)

Und einige Texte bewegen sich auch an der Grenze zum Absurden. Sie kommen in die Nähe der Russischen Autoren Vvedenski und Charms, die im Russland der zwanziger Jahre eine ganz eigene Form der Kurzgeschichte entwickelten. Natürlich im Rückgriff auf Tschechow und Dostojewski, die neben den von Meyer genannten Autoren wie Poe auch die amerikanische Short Story nicht unwesentlich beeinflussten.

Und ich möchte noch einmal auf die Geschichten von Amy Hempel hinweisen, die im letzten Jahr bei Luxbooks erschienen sind.

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3 Antworten zu Short

  1. belysnaechte schreibt:

    Genau. Hilbig ist der Beste (hoch lebe das Eigenob) Danke!

  2. umtriebe schreibt:

    die Unbehaustheit des auf sich selbst Verwiesenen …

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      genau. er hat sich auch literarisch eine art individuellen kosmos geschaffen, der sich stark aus der französischen moderne speiste. und den erfahrungen einer braunkohleregion.

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