immer noch Mühsam

in einem Tagebucheintrag vom 12. Juli 1919 (Mühsam steht unter Anklage. Hochverrat):

„Wadler war im Kriege Leutnant und hat sich bei der Deportation belgischer Arbeiter recht übel hervorgetan. Das Gericht ließ in demagogischer Parteilichkeit diesen Abschnitt seines Vorlebens detailliert Revue passieren, und ich musste dem armen Angst schwitzenden Wadler beispringen, in dem ich erklärte, dass wir im revolutionären Arbeiterrat für alle derartige Sünden Generalamnestie erteilt hätten, wenn an der Aufrichtigkeit nachher, wie es bei Wadler der Fall sei, nicht zu zweifeln sei. Interessant war, dass der Staatsanwalt (Appelmann hieß er) für mich die Konsequenz der Gesinnung als Beweis für meine angeborene verbrecherische Natur geltend machte, für Wadler aber umgekehrt die inkonsequente Haltung in der Gesinnung (wieviele Leute nag es im ganzen deutschen Reich geben, die vom Juli 1914 bis zum November 1918 gar nicht die Überzeugung gewechselt haben?) als Ehrlosigkeit bewertet wissen wollte.“

Erich Mühsam: Tagebücher Band 6. 1919 erschienen 2014 im Verbrecher Verlag Berlin

 

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