Mühsam

Einhundert Jahre nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, aber auch angesichts der Ereignisse in der Ukraine, wo wieder einmal imperiale Interessen zusammenprallen und Teile der Ukrainischen Bevölkerung einen Konflikt stellvertretent ausfechten, versuche ich mir eine Position zu bauen, zu beiden Konflikten. Die zum Ukrainekonflikt ist im Einleitungssatz schon angelegt, ohne dass ich beanspruche, aus dieser Position die Motivation und die Handlungen selbst der einzelnen Protagonisten erklären zu können. Aber sie werden in ihren Taten von außen wenn nicht gelenkt so doch angeheizt. Jedenfalls begann Erich Mühsam 1916 unter dem Titel Abrechnung seine Sicht auf Ursachen und Verlauf des Ersten Weltkrieges zu schildern. Der Krieg ist noch in vollem Gange, aber Mühsam versucht sich zu orientieren. Ein spannender Text, an dem Mühsam die Arbeit im Herbst 1917 abbricht. Erschienen ist er in dem von Christlieb Hirte 1984 herausgegebenen Band mit Streitschriften und Teilen des literarischen Nachlasses.

„Was mir den gegenwärtigen Zeitpunkt geeignet erscheinen lässt, um Überblick, Rückschau und Anklage zusammenzufassen, ist folgendes: Der Krieg ist, soweit er mit den Waffen ausgetragen wird, in einer Unentschiedenheit entschieden. Mögen im Westen oder im Osten, am Balkan oder an Kriegsschauplätzen, an die heute noch kein Mensch denkt, Angriffe vorgetragen und abgewiesen werden — wer sich nicht in loyaler Demut, oder in verbissener Verblendung von Hoffnungen und Wünschen täuschen lässt, hat erkennen gelernt, dass jede neue Offensive irgendeiner Partei zu keinem anderen Ergebnis führt als zu neuen Blutströmen, neuen Wüsten und neuen Frontgrenzen.“

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4 Antworten zu Mühsam

  1. belysnaechte schreibt:

    Kriegslied

    Sengen, brennen, schießen, stechen,
    Schädel spalten, Rippen brechen,
    spionieren, requirieren,
    patrouillieren, exerzieren,
    fluchen, bluten, hungern, frieren …
    So lebt der edle Kriegerstand,
    die Flinte in der linken Hand,
    das Messer in der rechten Hand –
    mit Gott, mit Gott, mit Gott,
    mit Gott für König und Vaterland.

    Aus dem Bett von Lehm und Jauche
    zur Attacke auf dem Bauche!
    Trommelfeuer – Handgranaten –
    Wunden – Leichen – Heldentaten –
    bravo, tapfere Soldaten!
    So lebt der edle Kriegerstand,
    das Eisenkreuz am Preußenband,
    die Tapferkeit am Bayernband,
    mit Gott, mit Gott, mit Gott,
    mit Gott für König und Vaterland.

    Stillgestanden! Hoch die Beine!
    Augen gradeaus, ihr Schweine!
    Visitiert und schlecht befunden.
    Keinen Urlaub. Angebunden.
    Strafdienst extra sieben Stunden.
    So lebt der edle Kriegerstand.
    Jawohl, Herr Oberleutenant!
    Und zu Befehl, Herr Leutenant!
    Mit Gott, mit Gott, mit Gott,
    mit Gott für König und Vaterland.

    Vorwärts mit Tabak und Kümmel!
    Bajonette. Schlachtgetümmel.
    Vorwärts! Sterben oder Siegen!
    Deutscher kennt kein Unterliegen.
    Knochen splittern, Fetzen fliegen.
    So lebt der edle Kriegerstand.
    Der Schweiß tropft in den Grabenrand,
    das Blut tropft in den Straßenrand,
    mit Gott, mit Gott, mit Gott,
    mit Gott für König und Vaterland.

    Angeschossen – hochgeschmissen –
    Bauch und Därme aufgerissen.
    Rote Häuser – blauer Äther –
    Teufel! Alle heiligen Väter! …
    Mutter! Mutter!! Sanitäter!!!
    So stirbt der edle Kriegerstand,
    in Stiefel, Maul und Ohren Sand
    und auf das Grab drei Schippen Sand –
    mit Gott, mit Gott, mit Gott,
    mit Gott für König und Vaterland.

    (Erich Mühsam)

  2. Wolfgang Schnier schreibt:

    Ist der Text im ersten oder im zweiten Band?

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