Frage sein II

In den letzten Jahren stieß ich immer wieder Bücher, die sich mit einer Abgrenzung von Mensch und Tier befassten. So Derridas Das Tier das ich also bin oder Agambens Das Offene. Fast unwillkürlich umkreist man bei diesen Lektüren die Fragestellungen der Anthropologie hinsichtlich möglicher und unmöglicher Unterscheidung zu tierischen Mitgeschöpfen. Eines scheint sie alle zu verbinden: Die Kategorien sind auch heute alles andere als sicher, die Grenzen sind im Fluss.

Ich habe in den Neunzigern in Frankfurt studiert, das heißt, das ich selbst ein eher problematisches Verhältnis zur philosophischen Anthropologie mitbekommen habe. Diesem Bereich wurde nicht nur zu unrecht attestiert, dass er hinter der Frage nach dem Menschen allzu oft die gesellschaftlichen Strukturen vernachlässigt, in denen und durch die der Mensch zu dem wird, was er ist. Die Frage nach dem, was der Mensch sei, die Kant noch zum Bestandteil und Ausgangspunkt der Philosophie der Aufklärung erklärt hatte, galt im hegelianischen Kosmos, auf den sich letztlich die kritische Theorie bezog, als überwunden. Das heißt allerdings nicht, dass die Frage beantwortet ist. Negative Anthropologie war dementsprechend in Frankfurt erlaubt, denn Adorno hatte sich irgendwo positiv dazu geäußert, auf jeden Fall fand sie Eingang in sein Werk Negative Dialektik in Bezug auf Sonnemann. Letzterer bestimmt sie im Rekurs auf sein Hauptwerk folgendermaßen:
Dies heißt einerseits, dass eine positive Wissenschaftslehre vom Menschen logisch widerspruchsfrei gar nicht durchführbar ist. Und andererseits, dass das Humane schließlich nur aus seiner Verleugnung und Abwesenheit zu erschließen ist, dass der Schwerpunkt des Menschlichen in der Zukunft der Menschen liegt.
Die Schwierigkeiten der Bestimmung des Menschen werden also gelöst, oder sollen gelöst werden,  indem man darlegt, was der Mensch nicht ist, oder eben noch nicht ist, was er sein soll. Und auch Zwierlein erkennt in dem, was die Negative Anthropologie bezeichnet, einen Ausweg aus den Dilemmata und den Aporien, in die sich die Theorie immer wieder verstrickt. Anhand Heideggers Ontologie und Blochs Utopismus legt er das dar und formuliert in Rekurs auf Plessner:
Die Unergründlichkeit des Menschen leitet zu einer radikalskeptischen Destruktion aller Gewissheiten an, so dass erst die „im Sinne der Überwindung verwirklichte Skepsis“ als die allein mögliche philosophische Anthropologie bezeichnet werden kann.

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Eine Antwort zu Frage sein II

  1. Thorsten Krämer schreibt:

    Das Tier ist der neue Edle Wilde.

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