Die Neunziger

Die Neunziger

Zwei Tage vor der Ausstellungseröffnung hatte Zassi mich auf ein Bier eingeladen, in die „Gute Stute“ gleich am Güterplatz. Das erste Mal nach langer Zeit rief er bei mir an. Vielleicht ahnte er etwas. Er hatte mich noch nie vorher auf ein Bier eingeladen. Gehen wir ein Bier trinken, ich geb einen aus, sagte er; einen Satz also, der gar nicht zu ihm passte, als hätte er plötzlich eine kleine Nickelbrille getragen und durchlöcherte Jeans. Aber Zassi trug seine Hemden und grauen Tuchhosen wie immer.

Die Kneipe lag im Souterrain eines neueren Bürohauses am Güterplatz, war lang und schmal und wurde von Lampen mit roten Stoffschirmen beleuchtet. Wie ein Bordell, dachte ich, denn so stellte ich mir die Beleuchtung in den Etablissements am Bahnhof vor. Fast, sagte Zassi, aber nicht ganz.

Da die wenigen Nischen, die es an den Seitenwänden gab, und in denen man ungestört hätte reden können, von jugoslawischen Liebespaaren besetzt waren, ließen wir uns an der Bar nieder. Zassi kannte den Schankwirt, dass war mir gleich aufgefallen und es hat mich verwundert, weil ich nicht dachte, dass er außer mir noch andere Freunde hatte.

Der Schankwirt hieß Ivo. Er mixte aus klarem Schnaps und Likör ein süßes orangerotes Getränk, das er uns in kleinen Gläsern hin und wieder neben das Bier stellte. Jedes Mal trank Zassi seines mit einer zackigen Bewegung, und ich wollte ihm nicht nachstehen. Es war die Art wie man hier trank. Kurze Bewegungen, sparsam, effizient.

Zassi schien vergessen zu haben, dass ich neben ihm saß. Manchmal nickte er Ivo zu, und die beiden wechselten Sätze in der mir unbekannten Sprache. Wir mussten am Ende nur die Biere zu bezahlen.

Wir feiern den Abschied, sagte Ivo unvermittelt in gebrochenem Deutsch. Ich verstand nicht, was er meinte und gab auch nichts auf seinen Spruch. Hinter unseren Rücken wieherte in unregelmäßigen Abständen ein ausgestopftes Pferd. Ich drehte mich jedes Mal um, wenn ich es hörte und blickte in die braunen gläsernen Augen des Tiers.

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