Chlebnikow – manches braucht Zeit

Ich zitierte Chlebnikow in meiner Magisterarbeit vor 20 Jahren. Langsam verstehe ich das Zitat:

„Das Wort hat ein Doppelleben.
Zum einen wächst es einfach wie eine Pflanze, es zeugt eine Druse ihm benachbarter Klangsteine, und dann lebt das Klangprinzip ein Eigenleben, während der Anteil des Verstandes, Wort genannt, im Schatten steht; oder aber das Wort verdingt sich beim Verstande, der Klang hört auf, >allgroß< und selbstbeherrscherlich zu sein; der Klang wird Name und erfüllt gehorsam die Befehle des Verstandes, dann blüht dieser als das ewige zweite Spiel einer Druse aus sich ähnlichen Steinen.“ V. Chlebnikov: Über zeitgenössische Lyrik, in V. Chlebnikov: Werke, Reinbek bei Hamburg 1985, S. 318 f.

Im Kontext eines Nachwendeklimas entstand die Magisterarbeit:

Die Feindlichkeit gegen die künstlerische Avantgarde ist auch westliches ‚Kulturgut‘, und die Forderungen nach positiven Helden kann man allzeit vernehmen.1

Wäre Fortschritt in der Kunst nur als einer der Materialbeherrschung formuliert, richtete er sich im Sinne von Willkür gegen den Geist der Sache selbst. Im Fortschreiten der künstlerischen Technik ist zunächst nur die Möglichkeit eines Fortschritts angelegt, schlägt aber in pure Verfügung um, wenn sie nicht einem Geistigen verschwistert ist. Andernfalls wird künstlerische Freiheit der Gestaltung erkauft mit der restlosen Unterdrückung des Stoffes.1

Darauf weist ein Artikel (Von Realismus zu realer Kunst) von F.P Ingold in der Zeitschrift Manuskripte Nr. 126/`94 hin. Ingold schreibt bezüglich heutiger Literaturkritik: „Statt den Begriff anzustrengen, verschmiert man ihn; statt überprüfbare Argumente vorzutragen, teilt man Befindlichkeiten mit; statt Texte kritisch zu befragen, beurteilt und verurteilt man Autoren.“(a.a.O.S.166)

 

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