Franz Hessel

Hessels Text „Pariser Romanze“ führt den Leser an einen entscheidenden Punkt der Europäischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts.

Der Erzähler schreibt aus einem deutschen Feldlager im ersten Weltkrieg Briefe an einen französischen Freund, in denen er das/sein Paris vor dem Ersten Weltkrieg wieder aufleben lässt.

Er erzählt die Beziehung zu Lotte, mit der er die nähere Umgebung und die verschiedenen Treffpunkte der Pariser Boheme erkundet. Der Leser begleitet das Paar zu den Festen seiner Künstlerfreunde, Nachmittagstees und Drogenorgien, aber auch zu Spaziergänge, auf denen sie die Angestellten der Pariser Modeläden bei ihrer Mittagspause beobachten. Wie später Walter Benjamin in seinem Passagenwerk begibt der Text sich auf Entdeckungsreise in die Hauptstadt des IXX. Jahrhunderts, die für den Moment eine enorme Modernität ausstrahlt, und der Leser findet sich in einer Gemeinschaft von Entdeckungsreisenden.

Zumindest so lange, bis der 1. Weltkrieg beginnt.

Im Episodischen dieser Romanze spiegelt sich letztlich auch der Episodische Charakter der politischen Situation vor Ausbruch diese bis dahin größten Schlachtens, der ersten Auseinandersetzung, deren Vernichtungsorgien industriell geprägt waren.

Dabei geschieht in diesem Buch etwas ganz Außerordentliches. Mit der Erinnerung an das Vorkriegsparis lebt ein sprachlicher Duktus wieder auf, der zunächst irritiert, der aber, je mehr ich mich darauf einläßt, immer größeren Genuss bereitet.

Es ist eine Sprache, die letztlich mit der Zerstörug Europas ihr Ende fand und nur noch als Echo durch die Texte der Zeit danach weht.

Eine Erfahrung, die mir auf eine eindringliche Art und Weise klar macht, wie viele Formen von Vergangenheit es gibt, und wie verflochten Sprache mit Politischem aber auch dem nennen wir es Tagesvisionären ist.

Die Handelnden in diesem Text leben in einer Art utopischen Blase, die der politischen Entwicklung nicht gewachsen war.

Dass Zerstörung sich letztlich auch rückwirkend, also auf die Geschichte ausgewirkt hat, auf die Rezeption all dessen, was in der Zeit der Zeit voran ging, bedeutet, dass auch die kulturelle Überlieferung im 20. Jahrhundert wenn nicht unterbrochen, so doch massiv gestört und abgelenkt war, und deshalb immer wieder Dokumente neu- oder wiederentdeckt werden.

zum Buch

 

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2 Antworten zu Franz Hessel

  1. Clarknova schreibt:

    hm, das sollte ich vllt. gleich an florian illies anschließen…

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