Aus meinen Schwarzen Heften (1995)

Bei der Lektüre der Arbeiten Heideggers ergibt sich, daß viele seiner Begriffe nur grob bestimmt, verschwommen bleiben. Aber nicht im Sinne einer dialektischen Arbeit des Begriffes, sondern eher im Meinen. Es besteht ein Begriffsgitter, und die Begriffe haben nur geringen Spielraum, bleiben dennoch weitgehend vage. Nun kann man das für ein literarisches Mittel halten oder aber für einen Mangel des Gedankens. Beides ist gleichermaßen fatal. Das oben angesprochene Große, das von Heidegger schlecht abstrakt bestimmt wird, wird (oder soll?) vom Leser selbst gefüllt (werden). Dies erhält bittersten Beigeschmack, wenn man das Entstehungsdatum der Schrift kennt. Der Text geht auf einen Vortrag vom 9. Juni 1938 zurück. Angesichts diesen Datums ist nur unschwer vorzustellen, was sich zumindest die übergroße Mehrheit des Auditoriums unter dem Großen der Geschichte vorstellte.1

Aus der notwendigen Umgrenzung des Gegenstandsbezirkes jeder Forschung begründet Heidegger die Notwendigkeit des Betriebes derselben. Der Betrieb ist dadurch gekennzeichnet, daß sich auf Grund der abgegrenzten Forschungsbereiche die Spezialistik herausbildet. Es kommt zur Institutionalisierung der einzelnen Bereiche, wodurch sie allererst in das Seiende eingebaut werden. Durch Institutionalisierung objektivieren sie sich als Wissenschaftsbereiche, und der Forscher, der den Gelehrten ablöst, wird den Instituten untergeordnet.

„Der Forscher braucht zu Hause keine Bibliothek mehr. Er ist überdies ständig unterwegs. Er verhandelt auf Tagungen und unterrichtet sich auf Kongressen. Er bindet sich an Aufträge von Verlegern. Diese bestimmen jetzt mit, welche Bücher geschrieben werden müssen.“2

Die Veränderung des Charakters des Forschers und der Forschung erklärt Heidegger also mit der Unterordnung unter den Betrieb, den er nicht negativ bewertet wissen will. Er sieht darum in ihm auch die Zurückstellung des partiellen Interesses zugunsten des gemeinen Nutzens und mithin eine Chance, Individualismus zu überwinden. Der Forscher wird in diesem Prozeß anonymisiert. Die Ergebnisse seiner Arbeit erscheinen als Produkte der Institution.3 Er selbst muß sich dieser beugen und ihren Erfordernissen unterordnen. Heidegger beschreibt Forschung wie eine Maschinerie. Indem sich ein Verhältnis, zum Beispiel das der Arbeitsteilung, in Instituten objektiviert, scheint es sich von den in ihr Beschäftigten zu emanzipieren. Die Vergegenständlichung des Vermögens der Tätigen in der Maschinerie macht sie austauschbar.

Die Angst aber, die diese Austauschbarkeit birgt, liegt nicht in der Maschinerie, sondern in den sozialökonomischen Verhältnissen, die sich in sie einschreiben, und für die Heidegger kein Interesse zu haben scheint, in denen aber der Schlüssel zum Verständnis der Gestalt von Forschung und Arbeit liegt. Die Ökonomisierung der Forschung wird von Heidegger zwar bemerkt, zum Beispiel durch den Verweis auf das Verlagswesen, ist für ihn aber nur Ergebnis neuzeitlicher Metaphysik und somit nicht Gegenstand näherer Betrachtung. Heidegger erliegt somit dem Warenfetischismus, in dem er die Strukturen der Tauschgesellschaft nicht in den von ihr geprägten Bereichen, unter anderem eben auch in der Forschung, erkennt und sich nur auf der Ebene der Phänomene bewegt.

Die Charakterisierung der neuzeitlichen Wissenschaft durch Heidegger mündet darin, daß sie das Seiende dem Vorstellen verfügbar mache. Die Verfügbarkeit äußert sich in der Berechenbarkeit.

„In der Vorausberechnung wird die Natur, in der historischen Nachrechnung wird die Geschichte gleichsam gestellt, Natur und Geschichte werden zum Gegenstand des erklärenden Verstandes.“4

Dieser Prozeß der Vergegenständlichung sei gekennzeichnet durch ein „Vor-stellen“, was Heidegger im Sinne eines Vorsichbringens versteht, derart, daß der vorstellende Mensch die Natur oder die Geschichte in einer Gestalt betrachtet, die Berechnung zuläßt.
Die Forschung habe nun ihren Grund im Wesen der Neuzeit überhaupt. Dieses Wesen sei gekennzeichnet durch die Metaphysik, die auf Descartes zurückgehe. Mit Descartes werde ‚der Mensch‘ zum Subjekt, das Subjektive trete seine Herrschaft an. Subjektivierung bezeichnet nach Heidegger den Prozess der Verfertigung von Weltbildern, der eintritt, nachdem ‚der Mensch‘ sich aus der Verbindlichkeit der christlichen Offenbarungswahrheit befreit habe. Das Wesen der Freiheit „d.h. der Bindung in ein Verbindliches“5 werde neu gesetzt. ‚Der Mensch‘ setze fortan selbst die Verbindlichkeiten, weshalb derer verschiedene möglich sind, und das resultierende Chaos ein Zeitalter der Bewältigung nötig mache.6 In den Weltbildern bestimme das Subjekt selbst seinen Platz.

„Der Mensch stellt die Weise, wie er sich zum Seienden als dem Gegenständlichen zu stellen hat, auf sich selbst. Jene Art des Menschseins beginnt, die den Bereich der menschlichen Vermögen als den Maß- und Vollzugsraum für die Bewältigung des Seinden im Ganzen besetzt.“7

Aus diesem Gedanken wären Totalitätsansprüche als notwendige abzuleiten und die Grauen von Krieg und Vernichtung aus der Kennzeichnung der Neuzeit und der Notwendigkeit der Bewältigung des Chaos zu begründen. Heideggers Stellung zu Krieg und Vernichtung kann gekennzeichnet werden, als bedauernde Einsicht in die eherne Notwendigkeit des Krieges, die erst überwunden ist, wenn sich ein einheitstiftendes Prinzip, nach Überwindung der Metaphysik, durchgesetzt hat. Hier findet er sich in der Nähe Carl Schmitts, der im Parlamentarismus ein solches Chaos sieht und auch auf die Bewältigung durch ein einheitliches Prinzip baut.8 Sowohl Heideggers als auch Schmitts Chaosvorstellungen gehen wohl auf die Erfahrungen mit der Weimarer Republik zurück und beide sehen zeitweise im Hitlerfaschismus ein solchen Weg zur Bewältigung, der die Nation an ihre ’natürlichen‘ Wurzeln erinnert und an diese sie bindet.

Wenn die Welt zum Bild werde, werde die Weltbetrachtung zur Weltanschauung.
Unter den verschiedenen Weltanschauungen, welche vielmehr Lebensanschauungen seien, da sie kein passives Beobachten bedeuteten, wird ausgefochten, welche zur Geltung gelange. Da die Weltbilder subjektiv, d.h. von Menschen oder Völkern gemacht seien, gibt es keine Kriterien zur Bestimmung der Wahrheit. Diese würde zurückgenommen in die Weltbilder selbst, als Gewißheit der Vorstellung. Wahrheit würde auf dieser Ebene das als wahr Behauptete. Somit würde nur das als seiend begriffen, was in den jeweiligen Weltbildern zur Vorstellung komme. In diesem Sinne gehe Sein und Wahrheit verloren.
Heidegger erklärt die Neuzeit lediglich aus der Form des Denkens, die sich mit Descartes so grundlegend verändert habe. Warum diese Änderung eintrat, wird nicht untersucht, im weiteren vielmehr als Schicksal behandelt.
Die oben genannte Seinsvergessenheit ist dann auch der hauptsächlichste Kritikpunkt an der Neuzeit. Ihr zu entgehen, erfordere Besinnung. Es gehe darum, das ‚eigentliche‘ Wesen der Neuzeit zu erfassen, um dem Denken ein neues Fundament zu geben. Es geht mithin um die Überwindung abendländischer Rationalität im Sinne ihrer Abschaffung.
Heideggers Rationalitätskritik ist im traditionellen Sinne keine Kritik, da ihm an der Rationalität nicht gelegen ist. Er entwirft aus Philosophemen ein idealistisches Bild der Neuzeit, ohne auf zugrundeliegende ökonomische und soziologische Strukturen auch nur einzugehen. Wo sie ihm begegnen (z.B. im Verlagswesen), werden sie positivistisch hingenommen.
So gelingt es ihm nicht, die Dialektik zu erkennen, die dem Prozeß der Aufklärung immanent ist. Er kann sie nur nach der Seite der formalen Rationalität hin bestimmen und nicht zum Verhältnis von Regression und Fortschritt gelangen, wie es bei Adorno beschrieben wird. Was bei Letzterem als immanente Widersprüchlichkeit erscheint und die Entsprechung von Technik und Wissenschaft begründet, faßt Heidegger als ein beiden äußerlich zugrundeliegendes Geschick. Dem entspricht seine Bestimmung der Technik.

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