Nachtrag zu Jeremia – Beginn einer Collage

Schestow in Athen und Jerusalem. Versuch einer religiösen Philosophie. (Matthes & Seitz 1994)

DAS SCHICKSAL DES SOKRATES. Sokrates wurde keineswegs deshalb vergiftet, weil er neue Wahrheiten und neue Götter erfunden hätte, sondern deshalb, weil er mit neuen Wahrheiten und Göttern alle Welt belästigte. Hätte er freilich zu Hause gesessen und Bücher geschrieben oder in der Akademie unterrichtet, hätte man ihn unangetastet gelassen. Ließ man doch Plato in Ruhe. Zwar wäre auch dieser beinah in Ungelegenheiten geraten, als er sich einfallen ließ, sich zur unrechten Zeit mit seinen Ideen an den Tyrannen zu wenden — aber er entrann verhältnismäßig billig der Gefahr. …

Marx in Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (Einleitung):

Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln!

Nietzsche in: Das Problem des Sokrates

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Mit Sokrates schlägt der griechische Geschmack zugunsten der Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor allem wird damit ein vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel kommt mit der Dialektik obenauf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie stellten bloß. Man warnte die Jugend vor ihnen. Auch mißtraute man allem solchen Präsentieren seiner Gründe. Honette Dinge tragen, wie honette Menschen, ihre Gründe nicht so in der Hand. Es ist unanständig, alle fünf Finger zeigen. Was sich erst beweisen lassen muß, ist wenig wert. Überall, wo noch die Autorität zur guten Sitte gehört, wo man nicht »begründet«, sondern befiehlt, ist der Dialektiker eine Art Hanswurst: man lacht über ihn, man nimmt ihn nicht ernst. – Sokrates war der Hanswurst, der sich ernstnehmen machte: was geschah da eigentlich? –

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Eine Antwort zu Nachtrag zu Jeremia – Beginn einer Collage

  1. amruthgen schreibt:

    Diogenes von Sinope: „Ich suche einen Menschen!“

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