Wachtelzeit – Zur Ballade

ich lese gerade in einem Gedichtband von Klaus Anders  (Wachtelzeit (Edition Rugerup))
und muss an Balladen denken, von Brecht, aber auch Fontane und anderen. Und frage mich nach dieser Gattung und wohin sie verschwand. Meine Töchter haben Balladen im Deutschunterricht behandelt und waren beide hellauf begeistert. Manchmal begegnet mir die Form auch im Kindergedicht — großartige Balladen von Guggemoos und Krüss z.B.. Es gibt einen Text von Ursula Krechel: Die Krise der Ballade ist vorbei. Aber ich glaube, er beschreibt keinen gegebenen Zustand. Der Ballade haftet etwas Antiquiertes an, zumindest im deutschsprachigen Raum. Vielleicht, weil wir nicht ins Erzählen kommen, vielleicht weil wir der Einheit misstrauen, die eine Erzählung voraussetzt. Wir misstrauen der Ballade, wie wir dem Reim misstrauen.

Ich bin keiner von denen, die aus ein paar Fasern/ ein luftiges Gespinst machen/…

heißt es im Text Pennsylvania von Klaus Anders, der vielleicht eine Ballade ist, zumindest enthält er balladeske Momente.

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8 Antworten zu Wachtelzeit – Zur Ballade

  1. Darüber habe ich kürzlich auch nachgedacht, fand aber keine zufriedenstellende Antwort. Ich kam drauf, als ich den Yeatsessay für die Signaturen schrieb, dessen Gedichte auch oft längere Stücke sind und teils auch einen balladesken Ton bekommen. So richtig erklären kann man es nicht. Ja, Misstrauen, vielleicht. Spontan würde ich sagen, es hängt a) mit der Krise des Versmaßes überhaupt zusammen, dass die Metrik usw. nicht mehr trägt (- was ja aber auch wieder Kolportage oder vielmehr ein Glauben vieler ist) b) dass der Sprechakt „Ballade“ nicht adäquat ist zum Zeitgeschehen (man schreibt eher Zyklen), d.h. die „Sprecherposition“ des Dichters ist eine andere, c) dass der liedhafte Ton nicht in unsere Pop-Wirklichkeit passt, es gibt ja eher sowas wie balladenhafte Popsongs deutscher Interpreten, die in vielen Fällen haarscharf am Kitsch vorbeischlittern. Und da tut sich eben dann der Spalt auf: es gehen ENTWEDER balladeske Popsongs mit Hang zum Kitsch ODER zyklische ungereimte Langgedichte, die aber auch ganz andere Themen verhandeln, keinen Plot haben, nichts erzählen. Dabei haben mich als Kind und Jugendlichen auch Balladen am stärksten angezogen.

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    vielleicht sollten wir zur retteung der ballade schreiten, armin.

    • Ja, wäre ne gute Geschichte. Fragt sich bloß, ob’s so deus-ex-machina-mäßig geht: „Hallo Welt, wir retten jetzt mal eben die Ballade!“ 🙂 Ich denke ja auch immer drüber nach, ob ich nicht endlich mal mit meiner Gitarre um die Häuser ziehen soll mit Songs, die dann so Titel hätten wie „Karteileichenblues“. Man müsste das Balladenthema einfach neu füllen, einen ganz anderen, zeitgemäßenTon anschlagen. Das wäre dann aufgrund des Liedhaften auch wieder „volksnäher“ oder „massenkompatibler“, zumal die alten Paradigmen von Dichtung wiederbelebt werden. Eine „NSA-Ballade“ fände garantiert ihre Hörer. 😉 Wobei es dann sofort Umarmungsversuche gäbe, „Das ist doch Comedy“, „Klingt wie Hagen Rether“, also man würde versuchen, das in Kategorien zu stecken, das Balladeske daran webzubürsten, „Ihr seid ja fast so gut wie PeterLicht“ usw. Ich bilde mir auch ein, dass ältere Sachen von Konstantin Wecker tatsächlich nahe an der Ballade sind.

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    und zur Rettung des Reims; er gilt ja ebenso als altbacken.
    Warum eigentlich? Das erste Sprechen der Menschheit war ungereimt, die Formung der Sprache mittels Reim und Metrum war eine erste kulturelle Leistung wie die „sinnlose“ Verzierung von Nutzgefäßen. Darüber hinaus ist noch einmal klar zu stellen, dass sogar die ersten lyrischen Versuche – z.B. die Psalmen – noch ungereimt waren. Insofern stellt die Meinung, das ungereimte Gedicht sei moderner als das Gereimte, einen ziemlichen Bildungsschnitzer dar.
    Grüße

    • Der Reim als solcher stammt meines Wissens aus dem Spätlatein, da wurde das salonfähig, also was jetzt den Endreim angeht. Alliteration usw. gibt es schon länger (da müsste ich jetzt recherchieren) Überhaupt Versmaß, Versformen, Odenstrophen, Distichen (also Hexameter + Pentameter) sind wohl das, was es seit der Antike gibt, ungereimt. Feststeht allerdings, dass Endreim mit die späteste ‚Erfindung‘ ist, die u.a. Otfrid von Weißenburg im Deutschen mitbegründet hat, und vor allem auch ziemlich ausgereizt hat mit Reimen wie ‚Herz auf ‚Schmerz‘, was an und für sich ein wunderschöner Reim ist, nur eben heute, 1200 Jahre später ausgelutscht bis zum Gehtnichtmehr. Reime und auch Binnenreime haben aus meiner Sicht Hochkonjunktur. Mein 19-jähriger Neffe ist als Poetryslammer und Hiphopper unterwegs, da bekomme ich das ein bisschen mit. Es gibt schon sehr viel Dichtungen, die gereimt sind, ich bekomme vieles davon auch zu lesen als Zeitschriftenredakteur, meist ist das allerdings nur auf den Endreim hin konzipiert: das Versmaß schwingt zwischen Jamben und Trochäen hin und her, wird auch schon mal daktylisch usw., aber man flickt da ziemlich rum, um eben den Endreim zu bedienen. Hinzu kommt: Die meisten Reime wurden ja schon gemacht, von daher ist es öde, wenn jemand mal wieder ‚Haus‘ auf ‚Maus‘ reimt usw., also da müsste man schon neue Reime finden, also innovativ morphologisch im Wort umbrechen und darauf reimen o.ä., die klassisch möglichen Reime sind ziemlich ausgereizt. Der Hiphopper meint zum Versmaß ganz lapidar, das sei ja der Witz, da würde man mit dem ‚Flow‘ schon hinkommen, der kümmert sich da nicht drum, lieber bringt er Achtel und Triolen, ausgehend jetzt vom 4/4-Takt.:)

      • Jan Kuhlbrodt schreibt:

        natürlich bewigt sich der reim in richtung einer lieddichtung (volkslied). deshalb nehmen ihn die slammer ja auch auf. dennoch besteht eine diskrepans zwischen sagen wir leichter muse und hoher kunst, die hier sich aber erst nach 45 ausgebildet hat, zum einen weil an die tradition, die in d. verblieben, nicht anzuknüpfen war und anknüpfungsfähige autoren vertrieben oder ermordet wurden. unsere kunst befindet sich noch immer im nachkriegsmodus

  4. summacumlaudeblog schreibt:

    @jan „unsere kunst befindet sich noch immer im nachkriegsmodus“ Das wäre eine gute Erklärung.
    Gedichte stammen an sich wohl vom Lied, sind von der Melodie nur schwer zu trennen. Nicht erst seit dem Minnesang. Wieder mein altes Beispiel: Die Psalmen! Daher auch das Metrum als wichtiges Strukturprinzip weit vor dem Reim.
    Erst später kam die Trennung und die Eigenständigkeit der Lyrik. Was in der Romantik dann wieder in Form von Lyrik-Vertonungen z.B. von Schubert zusammengefügt worden ist (ich erspare uns das W. Brandt-Zitat)

    @Armin Zur Ehrenrettung des Reimes schritten ja v.a. dann auch sog. Humoristen wie Robert Gernhardt. Er schrieb in einem Nachwort zu einer Reclam-Auswahl:
    „Reim oder Nichtreim – für mich war das … keine Frage.
    (…)
    Sich heute noch ernsthaft auf das uralte Reim- und Regelspiel einzulassen, ist, meine ich, schon mal per se komisch. Einfach war es nie, doch in Jahrhunderten gebundener Dichtung hat sich sein Schwierigkeitsgrad erheblich gesteigert. Daraus haben Verzagte wie Arno Holz gefolgert, daß nichts mehr gehe: „Der Erste, der – vor Jahrhunderten! – auf Sonne Wonne reimte, auf Herz Schmerz und auf Brust Lust, war ein Genie; der Tausendste, vorausgesetzt, daß die Folge ihn nicht bereits genierte, ein Kretin.“
    Falsch, ganz falsch: Der Erste, der Brust auf Lust reimte, war ein braver Mann, dei Einmillionste aber, dem es gelingt, die beiden Begriffe einleuchtend, einschmeichelnd oder auch nur eingängig zu paaren, ist ein Genie, zumindest ein achtenswerter Artist.“

    Grüße an die Lyrikfraktion. „Poetisiert Euch!“ Und reimt!

    (Man schüttelt sich beim Schüttelreim
    heraus da kommt der Rüttelschleim!)

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