Weil es so kalt ist

vielleicht fallen mir deshalb unangenehme Sachen besonders auf. Pauschalisierungen zum Beispiel, an denen ich mich im Folgenden ein wenig beteiligen werde. Pauschal kann ich nämlich sagen, dass mich die Berichterstattung in den Medien im Augenblick sehr aufregt. (Ich hoffe, es wird besser, wenn es wärmer wird.) Ich erfahre n(b)ichts. Als setze man voraus, dass der „mündige Leser“ schon selber sieht, wie er zu seinen Informationen kommt, werden mir mehr oder weniger provokante Brocken vorgeworfen (wahrscheinlich um mich zu ködern, und dann für Artikel bezahlen zu lassen.)

Das klappt nur bedingt, denn es ist zwar kalt, aber immer noch zu warm, um mein voyeuristisches Interesse zu entfachen. Zum Beispiel mit Überschriften wie dieser: „Verschwurbelte Königsdisziplin„. Beides sind Worte, die eher einer radikalprotestantischen Mottenkiste entstammen. Paternalistisches Anmahnen von Verständlichkeit ist schon immer ein Weg gewesen, Versuche zu torpedieren, das Vorhandene zu überwinden. Meine Deutschlehrer in der DDR wiederholten wieder und wieder, dass Heiner Müllers Texte nur schwer oder überhaupt nicht zu verstehen seien. Einigen, wenigen war es Ansporn, die Texte dennoch zu lesen, die sich dann als gar nicht schwurbelig herausstellten, aber viele fühlten sich von derartigen Statements eingeschüchtert. Es gehört aber gar nicht viel dazu, einen scheinbar unverständlichen Text zu lesen. Ein bestimmtes Wollen und Freude am Verstehen, das dann ein dennoch Verstehen ist.

Warum also kommt eine sog. Linke Tageszeitung mit solch altbackenen ideologischen Thesen daher: „So wird seit Jahren von seiten des Feuilletons, von seiten der Kritik Verständlichkeit angemahnt. Und seit Jahren wird auf diese Kritik ebenso mit Unverständnis reagiert. Was schade ist.“ Ganz im Modus der Jungen Welt, als sie noch Zentralorgan des Zentralrats der FDJ war. Aber immerhin gab es damals auch eine Rubrik die Poetensprechstunde hieß, was einem Therapieangebot gleichkam.
Ich hoffe auf Tauwetter.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Freiheit, Kunst, Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Weil es so kalt ist

  1. wolkenreisende schreibt:

    zitat jan kuhlbrodt: „Ich erfahre bichts.“

    lieber jan, ich mußte herzlich lachen, als ich deinen satz las. du beschwerst dich über die mangelnde informationen der medien und antwortest mit obigem satz.

    der titel „verschwurbelte königsdisziplin“ ist doch gar nicht so schlecht, – setzt er, so verstehe ich es zumindest, dass lyrik die königsdiziplin unter den genres ist. und verschwurbelt ist eben verschwurbelt. ist dir das zu salopp oder was genau stört dich?
    die titel bzw überschriften fungieren als „teaser“, insofern provozieren sie natürlich mitunter gern.
    ich gebe zu, dass ich nicht den ganzen artikel jetzt gelesen habe.

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    er meint es abwertend. und ich habe mich im eifer vertippt 😉

  3. wolkenreisende schreibt:

    hallo jan, ich habe nun den gesamten artikel gelesen und ironie gefunden, aber auch interesse und zwar daran, dass es zu einem dialog kommt, den es bislang nicht in der form gibt, dass es „sichtbare“ ergebnisse hätte. d.h. hinsichtlich der gedichtsprache und auch der anerkennung von lyrik, die leider häufig stiefmütterlich behandelt wird, weil sie schon „schlecht auf den weg geschickt wird – im deutschunterricht“, aber auch durch die „lyrikszene“ selbst. die vernetzung sollte das netz mal durchschneiden und „frei lassen“. das mal als gedankenanstoss. ich finde den artikel ehrlich gesagt recht ansprechend und anregend. ich finde, dass auf „probleme“ durchaus hingewiesen wird und das ist ja nicht das schlechteste. auch, wenn es mitunter ironisch geschieht.
    lg, wolkenreisende

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ich finde ihn ärgerlich, weil er pauschalisiert. es gibt keine lyrikszene im dargelegten sinn. vielleicht gibt es szenen, aber auch die sind zumeist wesentlich offener als sie dargestellt werden. und wir haben seit einigen jahren eine sehr vielfältige landschft. man kann sich vielerorts einklinken, oder selber was aufziehen. es gibt ja keinen verband, in den man aufgenommen wird oder nicht, nachdem man einen antrag gestellt hat. und natürlich ist es so, dass nicht alles gleich gefeiert wird, was man macht, manchmal dauert es sehr lange. und manchmal ist man auch frustriert, wie ich aus eigener erfahrung weiß, aber ein gewisses beharrungsvermögen gehört eben dazu.

  5. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    am schlimmsten aber finde ich die forderung nach verständlichkeit.
    https://postkultur.wordpress.com/2013/04/05/zum-verstandnis-von-gedichten/

    • amruthgen schreibt:

      Lehrer fragen gern: „Habt ihr das verstanden?“ Kleine Schüler bejahen mit Überzeugung. Werden die Schüler älter, reagieren sie zunehmend vorsichtig. Sie merken, in eine Falle getappt zu sein, die ihnen zum Verhängnis wird. Um andere zu verstehen, fehlt Menschen die Omnipotenz. Menschen können herausfinden, wie sie zu bestimmten Texten stehen. Mehr geht nicht. Wie der Autor sich versteht, bleibt ein Rätsel.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s