Vor der Schrift

Auf dem Buffet im Wohnzimmer standen zur Adventszeit eine kleine Armee Nussknacker, Räuchermänner und eine Engelskapelle aus dem Erzgebirge, die von Weihnachten zu Weihnachten immer mehr dezimiert wurde. Wir Kinder durften mit den Figuren spielen und haben ihnen gelegentlich die Arme und Beine abgebrochen. Nicht immer absichtlich. Karl klebte sie so gut es ging wieder, aber einige der kleinteiligen Gliedmaßen verschwanden zwischen den Sofakissen und unter dem Buffetschrank, wo sie später eine Staubsaugerdüse einsaugte. Die arm- oder beinlosen Engel bildeten schließlich die Mehrheit in der Kapelle. Ein Veteranenorchester, scherzte ein Onkel, und die Erwachsenen hatten schallend gelacht. Etwas übertrieben fand ich das, denn die Engel taten mir leid mit ihren aufgerissenen Kugelaugen und den zu einem kleinen Kreis gezogenen Mündern. Als ob sie staunten, als ob sie das alles nicht begreifen konnten.

Doch die Erwachsenen lachten immer so. Laut und kreischend die Frauen, schallend die Männer. Auch wenn sie am Abend Doppelkopf spielten, und ich im Nebenraum nicht schlafen konnte, weil die Geräusche durch eine mit einem Spiegelschrank verstellte Flügeltür drangen. Laut lachende Erwachsene machten mir manchmal Angst, vor allem wenn mir der Grund des Gelächters uneinsichtig blieb, und ich die in Halbsätzen formulierten Andeutungen nicht verstand.

Am liebsten mochte ich einen Harfenengel und ich versteckte ihn in jedem Jahr um ihn zu schützen vor meinen Cousins und Cousinen im Kasten eines Röhrenradiogerätes.

Der Engel umschlang mit seinen kleinen dicken Armen die Harfe so innig, als handele es sich um das Wichtigste und Wertvollste, was es überhaupt gab, wertvoller noch als Schokolade oder der kleine Plastikpanzer, den mir Karl geschenkt hatte als ich im Krankenhaus lag, und den wir vor meinen Eltern versteckten, weil sie solch Kriegsspielzeug nicht mochten. Dabei sang der Engel mit kreisrund aufgerissenem Mund und fest geschlossenen Augen. Doch der Engel sang stumm, nicht wie die Frauen in der Familie, wenn sie sich am Abend zum Heideröslein in der Stube versammelt hatten.

So stelle ich mir ein Schubertdenkmal vor. Einige kräftige Damen mittleren Alters in geblümten Baumwollschürzen singend vor einem Kachelofen. Es muss das Heideröslein sein. Und der wilde Knabe brach’s Röslein auf der Heiden …

Half ihm doch kein Weh und Ach, musst es eben leiden. Text und Melodie haben mich gleichermaßen fasziniert, ja aufgewühlt. Es war wohl der erste Liedtext, den ich auswendig konnte. Und die Arme der Sängerinnen verwandelten sich in gedrechselte Holzzylinder, schräg abgesägt. Am Ende eine kleine Kugel, die Faust.

Das Radio, in dem ich den Harfenengel versteckt hielt, war das Spannendste an Karls und Marthas Wohnung. Der Kasten bestand aus dunklem Holz und der Lautsprecher war mit hellbraunem Stoff überzogen und trug eine unverständliche Aufschrift aus Messing. Ein Schriftzug in Schreibschrift, der an den Stoff geheftet war. Das magische Auge, das den Betriebszustand der Röhren anzeigte, war ein smaragdgrünes Ei mit einer glatten Oberfläche, die sich erwärmte, wenn der Kasten in Betrieb war. Radio hörend saß ich davor und streichelte es sanft mit dem Zeigefinger.

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