! zukunftianisch

Wahrscheinlich ist es noch zu früh, eine Fazit zu ziehen aus dem Jahr 2013. Abgesehen davon ist es doch beachtlich, dass wir es erreicht haben. Noch in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts schien es mir so weit weg, in einer lichten Zukunft oder eben nach dem Ende der Zeit, je nachdem wie ich aufgestanden war und wo. (Kaserne, Studentenwohnheim, heimatlicher Plattenbau …) Das war Episode. Eine Vorstellung von Zukunft, die sich aus der Gegenwart ergab, jenen vier Millisekunden, in denen die Vorstellungen von Dauer wechseln. Die Zukünfte geben sich dort die Klinke in die Hand

Und vor hundert Jahren, unermesslich weit vor meiner Zeit, in Petersburg, in der Hochzeit des Futurismus sowohl des italienischen als auch des russischen, schreibt Welimir Chlebnikow:

Und am Himmel prangt irgendein Scheißdreck,/ Majestätisch wie Lew Tolstoj.

(W, Chlebnikow: ! zukunftianisch in: Ingold. Der große Bruch – Russland im Epochenjahr 1913. erweiterte Ausgabe Berlin 2013)

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4 Antworten zu ! zukunftianisch

  1. Wobei ich seit Längerem das Gefühl habe, dass „der Mensch“ (metonymisch verkürzt) seine ganz großen Zukünfte nun doch schon allmählich hinter sich hat; also das, was man da im 19. Jh. noch geträumt hat, diese übermenschuöse Futurabilität, lichtgestalthaft überwölbt von postromantischen Gloriolen: dazu dieser gschaftlhuberische Aufbruchstyp, der das einrichten soll, der in die Hände spuckt und dabei seinen maskulin-technokratischen Vorstellungen einer großartigen dampfamschinengetriebenen Zukunft nachhängt. Auch in OldKohl Wessiland war das schon in den 80ern spürbar vorbei, also die Denke, dass das alles nochmal was wird. Oder diese zukunftianische Ambition, mit der man sich erst noch zum großen Menschheitspeak aufschwingt, – der auch iauf ewig in der Zukunft liegt: das Goldene Zeitalter, das tausendjährige Reich, wie es in der Apokalypse angedroht wird. Ca. 1989 dachte ich, als Berge von (Scheiß-)Dreck und Algen vermischt am Strand lagen, irgendwo in Südfrankreich, ob wir das noch 5 Jahre durchhalten. Und gerade die 80-er waren ja die Jahre, wo manch selbstzufriedener Politiker mit so einem „Iss was?“-Grinsen in die Kamera gelächelt hat, wenn es um umweltpolitische Fragen ging. „Der Mensch“ (metonymisch verkürzt) „ist zu blöd zum (Über-)Leben“, ging mir erst diese Tage durch den Kopf. Andererseits ist nun der kolportierte Untergang Ende 2012, angeblich beruhend auf einem Maya-Kalender, nun auch schon wieder fast 1 Jahr überstanden. Aha?

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ja und nein. da ist marinetti mit maschingeheul und gewehrfeuer. ästhetik des autos. da sind die italiener. aber da sind auch eben die russischen futuristen, die ganz andere prioritäten setzten. ein freund und ich riefen 87 einen neofuturismus aus (niemand hats gehört) und auch den hat es schon 13 gegeben.

  3. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    wo allerdings kämen wir hin, wenn der künstler die (oder seine) wahrheit direkt und in „vernünftiger“ form zum ausdruck brächte

  4. Ja, das kommt dazu, dass vieles, wenn nicht alles schon da war. Mir wurde in den 70ern der Computer als DER große Heilsbringer verkauft, da flog man noch in Überlichtgeschwindigkitsraumschiffen an der Seite von Perry Rhodan ins Weltall; das ist gedanklich heute auch noch nicht vorbei, die Ästhetik des Automobils sowieso nicht, war übrigens auch schon in den 20ern ein nettes Accessoire auf Bauhausfotos, bei Le Corbusier u.a., (à la weiße Hütte mit schwarzer todschicker Scheese davor), das kriegt man auch nicht weg, daran hängt ja der liebe Wirtschaftsboom, wird uns erzählt, Export und so, deshalb müsse man komplett überdimensionierte Motoren und sinnlos überbreiten SUVs vom Band lassen. Und ja, der Computerianismus, die apostrophierte Heilsbringerschaft durch Nullen und Einsen hält sich ja auch hartnäckig, hat durch die NSA-Affäre allenfalls einen winzige Einbuße erlitten. Es lebe der Futurismus und der Neofuturismus: Die italienischen standen ja sogar auf Lärm, da hat sich seit den 20ern doch was geändert. Zum Glück?

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