Zur Verteidigung

Zur Verteidigung Theo Breuers gegen einen seiner Bewunderer.

Heute las ich im Poetenladen einen Text, der zum Ziel hatte, Theo Breuer zu loben. Dieses Ansinnen kann ich verstehen, denn kaum ein anderer Autor und Leser widmet sich derart intensiv der Gegenwartslyrik und liest, was es zu lesen gibt. Allerdings ist dem Breuerlob folgender Absatz vorangestellt:

„Die virulente Lyriklandschaft im deutschsprachigen Raum krankt mitunter daran, dass sie Dichter hervorbringt, die sich für Universalgenies halten. Statt sich mit der Gewissheit zufriedenzugeben, eine Stimme lyrischen Sprechens zu reprä­sen­tieren, diese zu kultivieren, weiter­zu­entwickeln, sie zu pflegen und daran zu arbeiten, scheinen solche Dichter mit dem Irrglauben zu liebäugeln, ihrer persönlichen Poesie könne es gelingen, die Sprache neu zu erfinden. Haftete einem solchen Vorhaben schon in jeder Epoche eine gewisse Absur­dität an, so erscheint diese in unseren Zeiten, in denen kaum noch jemand Lyrik liest, geradezu ins Kuriose gesteigert.“

Abgesehen davon, dass ich es für eine Dummheit halte, sich mit irgendeiner Gewissheit zufriedenzugeben, scheint mir die Mahnung, die darauf folgt doch ziemlich piefig: „eine Stimme lyrischen Sprechens zu reprä­sen­tieren, diese zu kultivieren, weiter­zu­entwickeln, sie zu pflegen und daran zu arbeiten,“. Liebe Kollegen: tut das bloß nicht. Die lyrische Produktion mündet sonst in Verfassen gereimter Glückwunschkarten.

Aber worauf bezieht sich dieser Absatzeigentlich, oder genauer. auf wen? Ich meine, der Autor des Artikels (Cristoph Leisten) ist einer de Letzen. der sich noch am Bild des Universalgenies orientiert, und er will diese Plakette im Folgenden auch Theo Breuer verleihen. Solches Lob geht nach Hinten los und entspringt einer perfieden militärischen Strategie, die das Feld zunächst einebnet, um dann ihr kleines Fähnchen darauf zu pflanzen, dass es großartig wirke. Das hat Breuer nicht verdient.

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10 Antworten zu Zur Verteidigung

  1. Pingback: 54. Zur Verteidigung Theo Breuers gegen einen seiner Bewunderer | Lyrikzeitung & Poetry News

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ich möchte an dieser Stelle gern noch ein Buch empfehlen. Theo Breuer: Aus dem Hinterland – Lyrik nach 2000.Edition YE 2005. Hier erlebt man einen kenntnisreichen und empathischen Leser, wie es nur wenige gibt.

  3. Christoph Leisten schreibt:

    Lieber Jan Kuhlbrodt,

    Ihre Wertschätzung für Theo Breuer freut mich sehr. – Es lag mir aber fern, ihn als “Universalgenie” zu empfehlen. Was ich an Theo Breuer vielmehr schätze, ist seine bemerkenswerte Bescheidenheit – bei gleichzeitig herausragendem Wissensstand bezüglich der Welt der Poesie. Dies sind die beiden Fundamente seiner eigenen Dichtung, und sie tragen diese Dichtung gut. Diese beiden Fundamente bewahren ihn auch davor, sich für ein Universalgenie zu halten.

    Übrigens dachte ich nicht ganz bestimmte Dichter, als ich den ersten Abschnitt dieses Textes für den “Poetenladen” schrieb. Die, die sich für Universalgenies halten, mögen zwar temporär den Betrieb ein wenig durcheinanderbringen, aber sie sind dann irgendwann auch wieder verschwunden. Und damit zwar ein Ärgernis, aber letztlich kaum erwähnenswert.

    Wovon die Lyriklandschaft lebt, ist ihre poetische Vielfalt. In dieser Vielfalt darf jeder, der ernsthaft daran mitarbeitet, durchaus (und mit Verlaub: jenseits des cartesianischen oder des Wittgenstein’schen Zweifels) die Gewissheit empfinden, eine Stimme zu haben, eben wenn er daran (mit-)arbeitet. Ich möchte Theo Breuer neben Jan Kuhlbrodt neben Raoul Schrott neben Ulrike Draesner neben Walle Sayer neben Ann Cotten neben Ulf Stolterfoth neben Christoph Wenzel sehen. Und diese Reihe ließe sich vielfältig fortführen.

    Wenn die Debatten über Poesie – ob in den letzten Jahren, in diesen Tagen oder in Zukunft – dazu betragen, diese Vielfalt zu bewahren und zu fördern, erscheinen sie mir fruchtbar (und möglicherweise sogar geeignet, den einen oder anderen Leser hinzuzugewinnen). Wo aber die Debattenbeiträge dahin tendieren, axiomatisch eine bestimmte Art des Dichtens einzufordern (und das passiert in den poetischen Debatten leider nicht selten), da wittere ich einen Hang zum Universalgenie, der mir gefährlich erscheint…

    Beste Grüße

    Christoph Leisten

  4. afwilder schreibt:

    Nur weil Sie kein Universalgenie sind, dürfen es andere nicht sein, müssen sich versteckeln hinter ihren Sätzen, trauen sich gar nicht mehr heraus. Das gerade Literatur das besondere einfordert, weil Literatur, Poesie und Lyrik, weil all das Wunderbare eben nicht dem Farblosen Ton einer Büroklammer gleicht.
    Aber Sie machen eine Büroklammer aus den Dichtern.
    Ja, sie haben sich breitgemacht die Büroklammern, sie sind so biegsam und kleinkariert, sie sprechen alle aus dem selben Mund und wenn man so etwas schreibt ist man böse, hat keine Ahnung, bekommt es mit den immergleichen Sätzen zu tun, das ist langweilig, aber weitermachen, immer weitermachen, es tut ja nicht einmal weh und das ist das eigentlich schmerzhafte

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      ich erlaube es jedem, genie zu sein, nur fürchte ich, kunst hat mehr mit handwerk zu tun, als mit göttlicher eingebung. abgesehen davon habe ich eine gewisse achtung vor jedem der dichtet und manche oder manchen verehre ich auch. wichtiger aber als zu verklären ist mir verständnis.

      • Christoph Leisten schreibt:

        Dieser Haltung kann ich mich vollends anschließen. Ich glaube, dass wir – was diese Grundhaltung angeht – durchaus das Gleiche vertreten und somit gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Vielleicht war meine Bemerkung zum Auftakt des winzigen Aufsatzes missverständlich. Jedenfalls wollte ich keineswegs jemanden desavouieren, sondern lediglich eine gewisse Haltung in Frage stellen, die im Kontrast zu Breuers Dichtung steht und die das Eigene zum Nonplusultra deklariert. – Die, die hier diskutieren, sind nach meiner Einschätzung von einer solchen Haltung meilenweit entfernt.

  5. Samir Sellami schreibt:

    Ich finde, es ist etwas dran an der Beobachtung, dass im Sprechen über Lyrik (und auch über andere Genres) oft die eigenen Arbeitsmaximen auf eine Art verabsolutiert werden, die genauso wie die Haltung, sich bloß als eine unter vielen Stimmen zu begreifen, etwas „Piefiges“ hat. Aber ich gebe JK unbedingt Recht, dass eine Dichterin sich nicht bloß als eine Stimme unter vielen begreifen darf. Natürlich kann und soll aus Kritikersicht kein poetisches Universum für sich allein existieren, aber in der Produktion glaube ich muss es diese Momente der Selbstüberschätzung geben, die einem in der Rezeption dieses wunderbare Gefühl bescheren, dass es nur dieses eine Werk geben kann.
    Für mich hat jedes verehrenswürdige lyrische Werk einen normativen Kern, man will nicht nur etwas Gutes, Schönes usw. schreiben, man will etwas Richtiges schreiben. Langweilig wird es, wenn dieser Anspruch auf poetische Richtigkeit präskriptiv als allgemeine Formel verordnet wird.
    Man erinnere sich an den großartigen Satz von Valéry: „Kein Kunstwerk ist unvergleichbar. Aber jedes gute Kunstwerk äußert den Anspruch, nicht verglichen zu werden.“

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      ich denke dass ein künstler nur dann als einer arbeitet, wenn er davon ausgeht, dass das was er macht einzigartig ist und dass nur er das kann und sonst keiner. die garantie für letzteres liegt eben in der individualität des künstlers. er unterliegt einem komplex von einflüssen (nicht nur ästhetischen) die eben eine einzigartige person ergeben. und wenn es dieser person gelingt, trotz dieser individualität und durch sie etwas annähernd allgemeingültiges hervorzubringen. dann ist das produkt von rang. aber eben das produkt auch wiederum als einzelnes und nicht der künstler, denn unter umständen auch hatte der zufall seine hand im spiel, und im produkt kommt etwas zum ausdruck, was den rang des werkes ausmacht, aber vom künstler gar nicht intendiert gewesen ist. und vielleicht ist das sogar die regel. in chemnitz sah ich einmal eine theatertrfarce: goethe schlüpfte in die rolle eines germanistikstudenten, der sich zu goethe prüfen lassen musste und fiel natürlich durch, denn als hauptwerk gab er seine farbenlehre an (was ich im übrigen nicht allzu falsch finde) und auf die frage nach dem verhältnis zu frau von stein sagte er nur, dies sei privat und habe die kommision nun wirklich nicht zu interessieren. ich fand die goethefigur äußerst einleuchtend gezeichnet.

  6. afwilder schreibt:

    Puschkin war ein Genie und Bely auch !!!!

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