Broch

kaum eine Zeit, in der ich so wackligen Gedankens herumstand wie heute. Vertraute Begriffe zerfallen. Dabei ist noch gar nichts passiert. Vielleicht habe ich in letzter Zeit zu viel gelesen. Zu vieles, sich widersprechendes, kluges Geschreibsel. Und jeder Text transportiert eine Situation. Subjektive Geschichtsschreibung? Aber schon dieser Begriff unterstellt Geschichte.

Broch als Antidot? Mir kommt der Gedanke ein wenig vermessen vor, denn ich bin kein Emigrant, werde nicht verfolgt. Erich Kahler schreibt in seiner Einleitung zur Ausgabe von Brochs Gedichten 1954:

„Dieses Hinrühren in ein diesseitiges Jenseits, diese Einheit von Strömung und Gleichzeitigkeit, diese Zusammenheit offenbarer Gegensätze, die als Brochs Grunderlebnis anzusehen ist, dies wirkt sich aus in allen seinen Ausdrucksformen, in seinem spezifischen Erfahrungsstil, seiner Weise alles einzelne zu sehen und darzustellen, in der Methode seiner Erörterung wie in seiner künstlerischen Komposition und Sprache.“

SPEZIFISCHER ERFAHRUNGSSTIL?

und Broch in dem Gedicht ECHOSINN (1946):

Oh Sprache, beschreibende, selber unbeschreibliche, sucherische,

hindurchdringend zum Unbeschreibbaren.

Kein Wort würde leben, wäre es nicht durchzittert von dem fremden Klang

aus anderem Tal,

den Hauchklang von dort, der das Beschreibbare ins Unbeschreibliche hebt,

ins maskenlose Warum, und es ist

die maskenlose Sprache, um die der Mensch ringt,

ihr fragender Glockenlaut,

das Unseiende als sein tiefstes Sein,

das Unliebende als seine tiefste Liebe,

das Unwollende als sein tiefstes Wollen,

die Auflösung des Menschhaften — seine tiefste Menschlichkeit

als Ahnung aus dem anderen Tal, aus dem Tal des Nochmals,

wo die Maske der Sprache fällt.

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