nach dem Roman

Die allermeisten Prosaarbeiten (Romane, Erzählungen usw.) sind sich ihrere eigenen Prosaform nicht bewusst, insofern nicht reflektiert. Das ist vielleicht kein neues Phänomen, fällt mir aber immer mehr auf, stört mich, nervt.  Der Autor oder die Autorin baut und setzt den Erzähler gewissermaßen als dritte Figur vor den Text und läßt ihn quasseln. Zumeist banal und trivial.  (Ich nehme mich in meiner Prosa in siesem Punkt (leider) nicht aus.)

Ich denke das ist es, was in mir als Leser ein Ungenügen erzeugt, die Prosa letztlich zum Geschwätz werden lässt. Ausnahmen sind jene Bücher (und das ist Genreübergreifend), die sich dere Konstruiertheit der Erzählsituation bewußt sind. Prosa ist ein indirektes Medium. Die Welt, die sie erzeugt, wird vorgestellt.

Mekwürdigerweise (oder auch folgerichtig) sind es oft Autorinnen und Autoren, die auch oder vor allem Gedichte schreiben, denen Prosa in diesem Sinne gelingt.

Beispiele für meiner Meinung nach gelungene Konstruktionen: Murphy von Beckett, Alias von Ingold, Zurück auf los von Hefter, Spione von Beyer, Shanghai fern von wo von Krechel, Sogar Papageien … von Martynova um nur einige der meiner Meinung nach besten zu nennen. Narürlich ist die Liste erweiterbar.

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17 Antworten zu nach dem Roman

  1. einrechner schreibt:

    Das Problem ist doch aber, dass es nicht ausreicht, die Konstruiertheit der Erzählsituation bewusst zu machen. Das passiert schließlich auch in ARD-Vorabendserien, wo der Drehbuchautor auftritt und mit den Figuren das Gemachtsein der Erzählung reflektiert. Und das passiert auch in der Werbung, die sagt, dass sie nur eine Werbung ist. Die Reflexion auf die Konstruiertheit der Erzählung als Teil der Erzählung scheint mir an aufklärerisch kritischer Kraft längst verloren zu haben, falls sie sie je besaß.
    Aber vielleicht geht es auch weniger um das vielfach zum bloßen Effekt verpuffte Mittel der erzählerischen Selbstreflexion als vielmehr um die Frage, wie sich das Erzählen aus einem instrumentellen Selbst(miss)verständnis befreien kann. Das wäre ein Erzählen, das nicht bloß Hinweisschilder hochhält, die auf die so genannte Welt zeigen, schlicht nach dem Motto: Wir wissen ja, was gemeint es, daher kommt es auf die Formulierung gar nicht so sehr an. Das wäre dann ein Erzählen, in dem die Sprache notwendig ist und ein verrücktes Komma die Welt zum Einsturz bringt.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      ich glaube wir meinen beide das selbe. mit selbstreflexion meine ich ja nicht unbedingt den text das sich selbst beschreibt wie er sich selbst beschreibt usw. obwohl das zuweilen nicht ohne reiz ist. allerdings müsste der text in diesem fall gar kein text, sondern könnte auch ein nashorn oder eine autowaschanlage sein. was mich so unglaublich nervt, ist das naive geschwafel, was über eine naive sicht nicht hinaus kommt.
      und manchmal denke ich, drehbuchautoren sind weiter als romanautoren, die in ihrem schreiben drehbuchautoren imitieren (wahrscheinlich ohne das sie es selbst bemerken.) das technische medium film rettet die drehbuchautoren vor der prosanaivität.

      • einrechner schreibt:

        Okay, einverstanden, aber was ich nicht verstehe, oder vielleicht verstehe ich es irgendwie oder irgendwo, in irgendeiner ziemlich staubig lichtlosen Kellerkammer des Bewusstseins, doch, was mir auf jeden Fall gerne klarer wäre, auch für mich selbst, ist der Grund für dieses Genervtsein von dem, ich würde sagen, sprachschwachen bis instrumentellen Erzählen. Schließlich würden ja auch die Autoren dieser Erzähler immer sagen, wie ungeheuer wichtig gerade ihnen die Sprache ist. Oder noch einmal ganz naiv: Was ist eigentlich der Gewinn eines reflektierten Erzählens? Ich bin mir auch immer noch nicht sicher, ob das das Gleiche ist, reflektiertes und sprachbewusstes Erzählen. Mir geht es zumindest immer so, dass das Erzählen, je mehr ich mich der Sprache überlasse, nicht heller, sondern dunkler wird, mich hinführt auf Felder und in Kammern, in denen ich mich gar nicht mehr auskenne. Und vielleicht gerade darum ein Licht aufgeht.

      • Jan Kuhlbrodt schreibt:

        sich der sprache überlassen klingt mir ein wenig ontologisch und ich frage mich, ob das geht, oder ob man sich nicht vielleicht weniger der sprache sondern eher der eigenen konstitution überlässt und nicht spätestens beim überarbeiten doch den meißel auspackt. vielleicht braucht man ein misstrauen der sprache, aber auch sich selbst gegenüber.dass natürlich dieses misstrauen auch ein sprachliches ist, ist klar.

      • einrechner schreibt:

        Vielleicht braucht man aber auch zuerst einmal ein Vertrauen in die Sprache. Natürlich ist die Sprache keine Mama, auch kein Papa, die oder der ein Kind erst in die Arme schließt und ihm dann den Weg weist wie ein Wesen. Trotzdem kann man sich, zum Beispiel, bei der Entwicklung eines Satzes von den dramatischen Möglichkeiten der Satzklammer faszinieren lassen, einerlei, ob das zu Plot und Figur passt. Und vielleicht verändern sich diese genau dadurch. Die Unterscheidung zwischen Konstitution und Sprache scheint mir hingegen künstlich. Nicht gesagt, ich wäre nichts als Sprache, beileibe nicht, aber im Schreiben zeigt sich die Konstitution doch gerade in der Sprache. Und ja, genau, Misstrauen, eben weil mir diese Sprache, in der ich wohne, die ich bin, eben nicht gehört.

  2. Armin Steigenberger schreibt:

    Ich stimme dir da in fast allen Punkten zu, immerhin beobachte ich dieses Phänomen auch bei den Einsendungen für unsere Zeitschrift, und das seit 1998, also diese inhaltlich orientierte Handlungsprosa, wo ein Erzähler alles kaputtkommentiert. das geht ja noch, eklatanter finde ich, wenn sich jemand nicht klar ist und eigentlich einen personalen Erzähler hat, wo aber noch eine auktoriale Instanz dazwischenquasselt. „Show, don’t tell“ wäre hier das Stichwort aus der amerikanische Kurzgeschichte, und sehr oft scheint es, als hätte sich das noch längst nicht rumgesprochen. Allerdings kann ich da Lyriker, obwohl sie auch aus meiner Sicht bewusster und reflektierter mit Worten umgehen, nicht ausnehmen, es gibt m. E. diese Regel nicht, dass Lyriker da was besser machen. Es gibt auch vollkommen verquaste Lyrikerprosa. Mein Problem ist, dass ich vieles zwar gut und auch reflektiert aber viel zu brav empfinde. Prosa, die wirklich auch mal das Experimentelle ausreizt oder unkonventionell sprich sprachorientiert ist, und wirklich an Ansätze anknüpft, die schon da waren, ist selten, da fand und findet ein „Rollback“ zu einer ziemlich langweiligen Inhaltsprosa statt, die umso unreflektierter ist, je mehr mir ein vorgeschalteter Erzähler das Geschehen referiert und auch noch durch seine Perspektiven durchzappt.

  3. Armin Steigenberger schreibt:

    Ist es nicht auch so, dass man in vielen Fällen nur noch einen >>Roman<>Roman<>Roman<<. Aber ein Roman ist heute eine inhaltlich verkümmerte 500-Seiten-Gattung, die mit guter Prosa in den wenigsten Fällen was zu tun hat. So wird da auch auf Formate geschielt, die sich irgendwie verselbstständigt haben. "Kurzgeschichte", "Erzählungen", da wäre viel mehr drin, ja und diese Formerfüllung befördert die Naivität.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      naja. den romsan als form, wie immer sie auch gefüllt ist, gibt es ja eigentlich nur in deutschland (apotheose der bürgerlichen gesellschaft) und sonst sin andere prosaformen ja eher verkümmert. die short story gibt es eigentlich gar nicht, zumindest nicht im sinne hempels, carvers und hemmingways. es gibt immer wieder prosaaufbrüche: hauptmann. döblin. musil. schmidt usw. die aber solitär bleiben. vielleicht hat gott ja verfügt, das deutsche prosa aich nicht aufschwingt. zu form. natürlich gibt es edelsteine im kiesbett.
      aber die gier der verlage nach dem roman ist motiviert mit verkäuflicher dicke und durch ideologische verblendung. die schielen nach grauen schatten und geben bildung vor

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      ausnahmen als bestätigung

  4. Armin Steigenberger schreibt:

    Ist es nicht auch so, dass man in vielen Fällen nur noch einen „Roman“ schreibt, damit man einen Roman schreibt, weil eben alle Schriftsteller und/oder Lyriker auch einen „Roman“ schreiben? Weil es dazu gehört? Wer hat denn schon über das Genre als solches reflektiert? Wenn du dir die Frühformen des Romans anschaust, ist das total vielfältig. Es gibt Romane von Voltaire u.a., die sind gerade mal 30 Seiten lang. Das, was heute in den Literaturbuchhandlungen als Literatur angepriesen wird, hat nichts mit Literatur zu tun. (Karin Fellner sagte mal vor kurzem, Literaturbuchhandlungen sind heute komplett literaturfrei, vor allem Bahnhofsbuchhandlungen), Ich werde jedes Mal skeptisch, wenn mir wieder ein (junger?) Autor erzählt, er säße jetzt an seinem „Roman“. Aber ein Roman ist heute eine inhaltlich verkümmerte 500-Seiten-Gattung, die mit guter Prosa in den wenigsten Fällen was zu tun hat. So wird da auch auf Formate geschielt, die sich irgendwie verselbstständigt haben. „Kurzgeschichte“, „Erzählungen“, da wäre viel mehr drin, ja und diese Formerfüllung befördert die Naivität.

  5. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ich lese gerade ingolds neuen roman : Noch ein Leben für John Potocki, und habe kürzlich einen band mit short stories von amy hempel (Die Ernte) gelesen. beides großartige bücher, und bei beiden stellte sich die frage nach der form gewissermaßen erst im abgang: die frage ist dann warum können mich nicht mehr bücher derart in beschlag nehmenm sondern nerven. prosabücher

  6. Armin Steigenberger schreibt:

    Vermutlich liest man auch anders oder hat andere Ansprüche, wenn man in der Literaturwelt zu Hause ist. Die Ansprüche steigen. Man liest kritischer und sucht nach speziellen, feinsinnigen Elementen, sucht nach dem Raffinierten, z. B. nach dem „Schlingelhaft-Ausgefuchsten“ in der Form, ist erst zufrieden, wenn das Buch einen auf dem linken Fuß erwischt, irritiert, überrascht, entzückt, vor den Kopf stößt***… wo einem Leser aus der Nichtliteraturwelt schon ein 500-Seiten Buch, das gut thrillt, durch simple Spannung vom Hocker reißt. Sprachlich ist das vollkommen egal und wen der Erzähler eine halbe Seite schwafelt, wird das überlesen. Der will womöglich gar nicht solche Momente erleben, wo er sich nicht mehr auskennt. Insofern ist es wohl großenteils auch die Lesegewohnheit. Man will im Grunde immer dasselbe Buch lesen, und ich zähle mich auch dazu, eingerechnet das Obihge, dass mich so ein Buch eben nicht nur spannend unterhält, sondern auch überrascht usw. Mir reicht es nicht, wenn mich ein Buch nur unterhält. Es muss auch was passieren. Hat mich ein David Foster Wallace auf dem linken Fuß erwischt, und positiv irritiert, will ich dieses Erlebnis wieder und wieder haben: Auch unsereins verlangt ja genau ***DAS von einem guten Buch, s.o. Dass aber Bücher zu so etwas in der Lage sind das hat sich noch nicht herumgesprochen oder das Wissen kommt durch die allzu geradlinigen, schnöden Spannungsromane peu a peu abhanden.

    • Jan Kuhlbrodt schreibt:

      aber einem handwerksmeister fallen auch fehler am werkstück auf, die dem laien verborgen bleiben. fehler, die sich im falle eines daches z.b. eventuell erst nach jahren auswirken. sollen wir unsere dächer oder bücher von laien prüfen lassen, oder den sparkommissaren der regierung?
      ich will gute dächer und bücher

  7. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    wenn imm winter dann die turnhallen unter der schneelast zusammenkrachen ist der jammer groß

  8. Armin Steigenberger schreibt:

    Naja, das sind wir uns ja einig. Ich will auch gute Bücher und Dächer (wobei die statische Belastung, die ein Buch abfangen muss, doch etwas anders aussieht… 😉 ), wollte jetzt eher den Trend aus meiner Sicht darstellen, wo das herkommt, also die Abwanderung der guten (…was ist schon gut?) Bücher aus der generellen Wahrnehmung. Es geht da auch evtl. die E- und U-Schere auf, um es mal zu verkürzen. Das Hauptproblem ist:. Ich kenne so viele Nichtliteraten-Leser, die wirklich diese 500-Seiten-Schinken bevorzugen und damit vollauf zufrieden sind. Du bekommst es nicht erklärt. Das ist wirklich mühsam. „Ein Buch muss doch aber spannend sein“, „Mir ist das zu kompliziert“, „ich versehe das nicht“. Da habe ich auch an die 15 Jahre probiert, was zu retten. Mein Vater liest trotzdem Karl May und regt sich drüber auf, wenn man ihm sagt, da ist auf allen Ebenen mehr drin. Die kommerziellen Verlagsinteressen leisten da noch Vorschub mit ihrer TB-Auslegware. Die haben den Markt in der Hand und die Bestseller sind Billigware mit reißerischem Cover, und smashigem Titel, Elfen, Trolle, Zwerge – und Liebesratgeber als „Sachbuch“. Das färbt freilich auch irgendwie ab, da haben sich auch die Paradigmen verschoben. Die Frage heißt für mich eigentlich: wie schaffe ich Anreize, dass wirklich gute Prosa (wieder) wahrgenommen wird? Oder überhaupt wahrgenommen wird? Daneben gibt es seit 10 oder 15 Jahren diese Illusion, dass man aus dem Stand ohne Vorkenntnisse einen guten Roman schreiben kann. Daran versuchen sich ganz viele, bei wenigen Ausnahmen haut das auch hin und ich einige dieser Elaborate schon in der Hand gehabt.

  9. „Prosa ist ein indirektes Medium. Die Welt, die sie erzeugt, wird vorgestellt.“
    „[…] ein Erzählen, das nicht bloß Hinweisschilder hochhält, die auf die so genannte Welt zeigen, schlicht nach dem Motto: Wir wissen ja, was gemeint es, daher kommt es auf die Formulierung gar nicht so sehr an. Das wäre dann ein Erzählen, in dem die Sprache notwendig ist und ein verrücktes Komma die Welt zum Einsturz bringt.“
    Gesucht wird also ein sprach- und formbewusstes Erzählen. Ja, davon gibt es zu wenig, oder von dem anderen zu viel, denn die Formalisten und Sprachkünstler werden immer nur wenige gewesen sein. Das ist dann Aufgabe der Kritik, die Sache der Literatur zu verteidigen, und den Rest der Produktion den Stoffeinkäufern der Fernsehanstalten und, wenn’s für den Autor gut läuft, Filmstudios zu überlassen (wobei… wie viele Bücher von Cormac McCarthy sind verfilmt worden!… das wäre ein Gegenbeispiel), und natürlich denjenigen, die diese Art von Hinweisschild-Roman einfach gerne lesen, was selbstverständlich völlig legitim und erfreulich ist, weil es grundsätzlich erfreulich ist, wenn jemand ein Buch liest. (Dass er auf den Geschmack literarisch hochstehenderer Bücher kommt, kann ich mir wünschen.)
    Vielleicht aber liegt die ‚Schuld‘ daran, dass die Form gegenüber dem Inhalt oft den kürzeren zieht, gar nicht unbedingt bei den Autoren, sondern bei den Lektoren?
    Die Versuchung, Texte zu glätten, um sie besser verkaufbar und besser vermarktbar zu machen, ist bei Erzählungen und Kurzprosa sicherlich weniger ausgeprägt als bei Romanen. Und meine Entschuldigung der (Roman-)Autoren nehme ich auch halb zurück, denn sie haben schließlich noch ein Wort mitzureden, nachdem sie ihr Typoskript beim Verlag abgeliefert haben.
    Nur seltsam, dass immer wieder mit dem Wort „sprachmächtig“ geworben wird. Abgesehen davon, dass ich es auf Literatur gemünzt für so tautologisch halte wie die Bemerkung, dass ein Eigelb gelb ist (aber ich weiß, was gemeint ist und möchte auch nicht überkritisch sein), scheint es doch darauf hinzudeuten, dass die (gute) Sprache durchaus ein Wort mitzureden hat bei der Bewertung eines Romans, und sei er 500 Seiten dick.

  10. Armin Steigenberger schreibt:

    Noch ein paar Gedanken hierzu: ich denke, man kann das Ganze auch entkoppeln vom Markt- bzw. Marketinggeschehen. Letzteres trägt zwar dazu bei, dass einer gewissen Art von Hinweisschilderprosa Vorschub geleistet wird, es kommt aber auch hinzu, dass es immer weniger Leser gibt, die es tatsächlich als Gewinn sehen, wenn ein Text nicht im Sinne der Alltagsratio „verstanden“ werden kann, sondern bei dem unterm Strich ein Rest bleibt an Geheimnis, der sich bei sprachorientierter Prosa oft aus semantischen /syntaktischen Brüchen ergibt. Ich habe immer wieder reine Prosaleser gesprochen, die völlig überfordert sind, wenn in der „Geschichte“ (die es ja unbedingt sein muss, mit Plot, Setting usw.?) Brüche drin sind, Schon ein offener Schluss überfordert einige Leser. Ein MacGuffin, der nicht aufgelöst wird, erzeugt Unbefriedigtheit. Man ist im Grunde auch verwöhnt vom Film oder projiziert die Erwartung, die man an einen Film hat, auch auf die Prosa. Wenn aber gleich (sprachmächtigerweise?) in den Sätzen selbst Brüche sind, der Autor mit seinem Wortmaterial arbeitet – wie es jeder Lyriker tut – dann sind etliche Leser vor den Kopf gestoßen. Ich kenne es aus Schreibwerkstätten, die ich selber gebe, wo zu 90% eine zwar seriöse und handwerklich gute, aber eben auch gänzlich brave, „risikofreie“, rein inhaltsorientierte Schulaufsatzprosa geschrieben wird.
    Es ist wirklich eine Erkenntnis für die Autoren, wenn man ihnen sagt, ihr müsst nicht in jedem Satz das S-P-O-Muster erfüllen, eine Story DARF ruhig ihre dunklen, geheimnisvollen Stellen haben, sie kann auch auf Plot und „Schürzen des Knotens“ (und all das , was in den Creative-Writing-Büchern steht) usw. verzichten. Es liegt auch nicht an den Lektoren, zumindest nicht bei engagierten Editionen. Was bei mir als Mitherausgeber deiner Zeitschrift ankommt, ist schon genau diese Art von braver, naiver Schulaufsatzprosa. Früher haben wir, etwas boshaft, gerne gesagt: Gute-Nacht-Geschichten. 🙂 Und sehr viele Leser wollen diese auch genauso lesen, denen reicht diese Art von Leseerlebnis. Dass Lesen mehr sein kann, setzt ein Erlebnis voraus, wie man es beim Lesen von Gedichten laufend erlebt: der ständige Widerspruch in der Aussage in Bezug auf die Form, die Widersprüche zwischen Semantik und Syntax, all das, was zwischen den Zeilen NICHT auf dem Papier steht, was an den Rändern der Sprache operiert, wo die Sprache keinen direkten Zugriff mehr hat und auf etwas verweist: auf all das andere außerhalb der normalen Alltagssätze, für das es (noch) keine Worte gibt. Damit muss man als Leser klarkommen. Davon muss man als Autor wissen.

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