Sorge

Ich mache mir kein Sorgen um den CFC, Trainer Schädlich wird den Club in der nächsten Saison in die zweite Liga führen, dennoch ist er für mich untrennbar mit Sorge verbunden.

 

Es war in den siebziger Jahren, Fußball war für mich noch etwas, was meinen Onkel interessierte was bedeutete, dass er alle zwei Wochen bei uns im Karl-Marx-Städter Yorckgebiet am Samstag gegen siebzehn Uhr beim Kaffee saß, freudig, aufgewühlt oder traurig. Sein Besuch kündigte sich durch die Gesänge an, die der Wind von der nahen Fischerwiese zu uns herüber trug. In diesen Gesängen klang schon auch von der Zukunft an, die uns damals noch als eine Vergangenheit erschien. Denn eingewebt in das eher nonverbale Rauschen klangen auch einige Worte herüber, die ich erkannte aber nicht verstand. Hinein, Chemnitz oder eben Sorgääää. Was natürlich Sorge hieß. Es waren Worte und Namen, die mich zum Fußballinteressenten werden ließen. Große Namen, wie ich im Gesicht Gesichtern meines Onkels lesen konnte, und die auch dann fielen, wenn er sich mit meinem Cousin unterhielt, der hin und wieder aus Magdeburg zu Besuch kam. Die Gespräche hatten ungefähr folgenden Inhalt:

 

Hofmann, Streich, Müller, Zapf, Eitemüller, Pommerenke, natürlich Sparwasser,…. und eben auch Sorge. Die Namenskaskaden wurden von meinen männlichen Verwandten durch Nicken quittiert und mit leuchtenden Augen kommentiert. Ich war ein wissbegieriges Kind. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mir einen hellblauweißen Schal zu besorgen und mit meinen Kumpels am Samstag Nachmittag an den Kleingärtnern vorbei, die mit Kofferradios an der Kaufhalle standen, die Leninstraße hinunter zur Fischerwiese zu ziehen. Dort sah ich endlich den Grund für den Ausruf: ein kompakter kräftiger Spieler im Chemnitzer Trikot. Ich hatte das Gefühl, die Gegenspieler öffneten ihm eine Gasse, wenn er mit dem Ball und kraftvollen Schritten über den Platz zog. Sorge wurde mein Held und die Bedeutung das Wortklangs, die seinen Namen ursprünglich begleitete verschob sich zu Freud. Sorge als Gefühl blieb nur in der Vorstellung meiner Mutter, die Fußball nur mit Fanscharmützeln verband, die angeblich nach jedem Spiel in eine langen im Volksmund Bazillenröhre genannten Fußgängerunterführung unter den Eisbahngleisen zwischen. Stadion und Bahnhof stattfanden. Für mich hieß Sorge fortan Würde, Kraft und Zuversicht.

 

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Eine Antwort zu Sorge

  1. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    jetzt ist schädlich zurückgetreten. aber eine aufstieg mit einem anderen trainer wird es in dieser saison nicht geben.

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