Lesen

 

Lesen ist letztlich auch, natürlich nicht nur, die Verfertigung fremder Gedanken im eigenen Kopf. Ein Nachdenken anhand eines gegebenen und geronnenen Denkens. Denken in Ketten, wenn man so will. Die Wahl des Begriffs folgt der Position des Lesers oder Rezipienten. Das Hirn bildet nach, was ein anderes Hirn vorgebildet hat. Es treffen somit zwei Situationen aufeinander, Situationen, in denen gedacht wird oder wurde. Doch bei alldem ist der Text eben ein Filter, der Gedachtes formiert und verhindert. Nicht der ganze Gedankenklang findet den Weg in das Buch, die Druckfassung also, die das Denken noch weiter einschränkt. Störgeräusche der Umwelt, die den ersten Gedanken begleiteten, ablenkten, bleiben hier außen vor, sind nicht reproduzierbar. Das Mäandern des Textes ist ein Restmäandern, der Flusslauf des Denkens zum Teil ist begradigt. Im Text also geht auch ein Teil des Textes verloren. Schreiben ist somit (auch) Spuren verwischen. Der Leser setzt diesen verlorenen Rest wieder zu. Indem er ihn liest oder denkt, macht er seinen Text daraus, nur so kann er verlorene Freiheit wiedererlangen. Lesen ins Willkür wie schreiben Willkür ist. Das macht eine Wertung des Textes schwierig, wenn nicht unmöglich. In jedem Fall aber ist sie subjektiv und nur bedingt nachvollziehbar. In keinem Fall aber bringt eine Wertung dem  Nach-Leser die Freiheit.

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6 Antworten zu Lesen

  1. muetzenfalterin schreibt:

    schreiben als spuren verwischen, das finde ich einen sehr interessanten gedankengang, auch wenn ich es auf anhieb nicht nachvollziehen kann, es macht aber lust, darüber nachzudenken, statt es zu werten 😉

  2. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    natürlich hinterlässt das verwischen der spur auch eine spur

  3. Johann Seidl schreibt:

    „Verfertigung fremder Gedanken im eigenen Kopf.“ – finde ich eine sehr gelungene, fruchtbare Formulierung! Eben das passiert gerade jetzt – wieder…
    Es ist das gelungene Bild, die ungestellte Frage, die eine Antwort findet, es ist die Lust der Neuronen am Weltenbasteln die uns lesen lässt, und schreiben für Leser, die dies geschehen lassen wollen.

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    letztlich ist lesen ja eine art thelepathie.

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  6. Pingback: Schwarzweiss. Rabenfrau in der Grauzone des Unfassbaren | Irisnebel

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