Rezensionen

Wider den Wertungszwang.
Zuweilen ereilt mich der Vorwurf, zu positiv zu besprechen.
Das stimmt, wenn man davon ausgeht, dass das Ziel einer Besprechung eine Wertung ist.
Was aber wäre zu werten?
Literarische Qualität?

Ich denke, dass zumindest für mich literarische Qualität zunächst nur bedeutet, dass ein Text lesbar ist. Und diese Lesbarkeit ist Bedingung, eine Lesart zu entwickeln. Wenn ich also rezensiere, versuche ich meine Lesart vorzustellen, das mag gut oder nicht gelingen, je nachdem, wie es mir gelingt, eben jene Lesart zu finden. Wenn es mir nicht gelingt, wer ist gescheitert. Der Autor? Der Text? Oder ich?

Ich möchte Verstehen. Und mache kein Hehl aus der Freude, wenn ich ein Verständnis gefunden habe.

Manchmal ist das Verständnis sogar eine körperliche Reaktion, nicht ohne Weiteres in Text zu übersetzen. Diese kann ich dann nur beschreiben.

Natürlich habe ich Vorlieben. Aber die sind privat.

Eine weitere Ebene ist die Politik, denn es gibt Bücher und Autoren, die aus meiner Sicht zu wenig wahrgenommen werden.

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9 Antworten zu Rezensionen

  1. Martin Piekar schreibt:

    Jop,

    Mir wurde mal vorgeworfen, ich würde zu viel, zu gut besprechen und wäre damit nicht reflektiert genug um Kritik zu üben.
    Aber Ich möchte keine Bücher verreißen, aus folgenden Gründen:

    – Verrisse sind mir zeitlich zu schade, ein Buch zu lesen, das mir nicht gefällt, mich durchzuquälen und dann noch Abwertendes zu verfassen ist mir meine Zeit zu schade. Ich leg das Buch weg und spreche nicht darüber!

    – Reflexion entsteht vor allem dann, wenn man sich überlegt, was die Faszination eines Buches ausmacht, was die Lesart beeinflusste, was ein gewisses Verständnis oder einen gewissen Umgang mit dem Text erlaubte, unterstütze, forderte, etc. Reflexion muss also einsetzen.

    – Kritik die dialektisch sowohl Negatives wie Positives des Werkes herausstellt ist idealistisch. Nicht immer findet man in sich dieses dialektische Prinzip, die Welt ist für uns Menschen durch Gegensätze aufgebaut, warum muss aber jedes Werk diese Gegensätze haben, sie in einem klar und deutlich wecken? Wäre dann nicht jede Kritik ein Kreisen um Neutralität? Und was ist langweiliger als eine derartige Kritik…?

    – Kritik hat diesen negativen Beigeschmack. Ist es nicht kritisch sich mit einem Werk auseinander zu setzen, sich darin zu vertiefen, sich und das Werk ergründen, vielleicht auch sich im Werk ergründen? Und DAFÜR, wie ich schon schrieb, ist mir die Zeit zu schade, bei einem schlechten Buch, denn in einem meiner Meinung nach schlechtem Buch, kann derartiges für mich nicht gelingen …

    Jop.

  2. Clarknova schreibt:

    ich finde ja man schadet der literatur mehr, wenn man gar nicht über sie spricht, als wenn man schlecht über sie spricht. ich denke, in sachen literatur gilt wirklich: any publicity is good publicity.
    die negativen kritiken abzuschaffen forderte schon der alte goethe mit einiger vehemenz. später übrigens auch goebbels. dabei stellt sich natürlich die frage, welche anforderungen man an die literaturkritik stellt. wenn es um die suche nach dem exemplarischen geht, ist eine wertung (ob positiv oder negativ) unausweichlich. hier hat v.a. auch der verriss seine daseinsberechtigung, da er aufzeigen kann, wie literatur nicht funktioniert. allerdings muss der verriss auch stets wasserdicht begründet sein, was ihn zur heimlichen königsdisziplin der kritik macht. zu loben ist leicht. klug zu tadeln ist schwierig; und es geht nur klug d.h. konstruktiv, weil alles andere nichts weiter wäre als platte ans-bein-pisserei.
    ich kann zu diesem thema wirklich reich-ranickis „lauter verrisse“ empfehlen. darin v.a. den einleitenden essay „bemerkungen über literaturkritik in deutschland“.
    stellt man natürlich das werturteil hintan oder lehnt es von vorn herein ab, sind eure (jans und martins) positionen zu verstehen. die frage ist dann aber, welchen mehrwert hat die rezension für den leser, wenn sie keine stellung bezieht. der leser von rezensionen will doch wissen: ist ein buch (in den augen des geübten leseres XY) „gut“ oder „schlecht“. ist eine besprechung ohne wertung überhaupt noch eine kritik oder nicht eher die essayistische meditation über einen leseeindruck?
    soll die rezension nicht der orientierung dienen? (ich frage – ich weiß es nicht.)
    oder kann man nicht einfach olli schulz zustimmen: „wenn etwas scheiße ist, dann kann man auch mal sagen, dass es scheiße ist.“

  3. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    für mich ist die meditation über erine text ja schon ein werturteil. ich habe einen grund gefunden oder einen anlass, einen einstieg, einen gedanken. ich glaube nicht, dass eine rezension dem leser eine orientierung gibt, er muss schon selbst lesen. aber vielleicht erleichtert sie ihm den einstig. mag auch sein, dass ich im sinne mrr’s gar kein kritiker bin (und auch nicht sein will). die meistzen verisse, die ich kenne, sind kapiotulationen.
    zu amnderen bin ich auch autor. lektüre ermöglicht mir mein schreiben in doppelter hinsicht. über einen text zu schreiben und den eigenen text voranzubringen.

    • Clarknova schreibt:

      das bestätigt ja im prinzip was ich schrieb. eine frage, was man von der kritik erwartet; als kritiker und als leser von kritiken. und der verriss muss nunmal hieb- und stichfest sein, sonst wird er für den kritiker peinlich.

  4. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    das problem ist nur, dass nix hieb und stichfest ist, weil die kategorien im fluss sind.

  5. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    also wäre eine gute besprechung eine, die ihre eigenen kategorien am text überprüft und zuweilen verwirft. selbstwerdung am text.

  6. muetzenfalterin schreibt:

    ich denke schon, dass auch die auseinandersetzung mit „schlechten“ büchern lohnt, dass das weder vertane zeit ist, noch dass man über solche leseerfahrungen schweigen sollte. Dennoch schreibe auch ich (fast hätte ich geschrieben „natürlich“) lieber Besprechungen über Bücher, die mir gut gefallen haben. Und nicht nur das, es bereitet mir auch immer wieder ein ungutes Gefühl, Bücher eben auch durchaus zu kritisieren. Dann frage ich mich: „Warum kann (und will) ich mich nicht darauf beschränken, Inhalt und Form wiederzugeben, ohne wertend einzugreifen? Wertend, bereits beim Lesen. Es gelingt mir nicht, mich herauszuhalten, meine Erwartungen, die ich an Literatur habe, zurück zu stellen, um vorurteilsfrei an das jeweilige Buch herangehen zu können. Aber warum eigentlich diese Fragen, diese Selbstbeschränkung? So lange die Auseinandersetzung begründet wird, so lange es also eine Auseinandersetzung ist, profitieren alle davon, der Leser, der Rezensent und wer weiß, vielleicht sogar der Autor.

  7. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    ja so in etwa sehe ich das auch. man formuliert eine bewegung, von der im besten falle beide seiten betroffen sind. aber das ist eben kein urteil, das man fällt.

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